Wenn Eltern sprechen

Elternsprechabend.
„Soll ich nicht lieber hier bei dir bleiben?“, versuche ich es.
„Nein, nein“, sagt mein Sohn Tom, „geh’ ruhig, ich kriege das zuhause prima alleine hin.“
„So wichtig ist das nun auch nicht, dass ich da hingehe“, sage ich.
„Doch, ist es“, sagt er.
„Ach was“, sage ich, „da wird eh nur belangloses Zeug ...“
„Du musst!“, schließt er das Thema ab, „Elternabend ist Pflicht!“
Es ist noch nicht solange her, da ging die Welt im Kindergeheule unter, wenn ich abends mal weg wollte, jetzt kann es gar nicht oft genug sein – und so gut kann ich Süssigkeiten und Fernbedienung gar nicht verstecken, dass Tom sie nicht findet.
„Ab ins Bett jetzt“, sage ich, als ich gehe.
„Viel Spaß“, ruft er mir grinsend nach.
So habe ich mir das nicht vorgestellt: Mein Sohn macht sich einen gemütlichen Fernsehabend und ich muss in die Schule.
Wenn Eltern sprechen ... Ich sitze auf einem winzigen Stuhl in einem muffigen Klassenzimmer und will nichts davon hören, dass die Kuchen für den Schülerbazar bitte glutenfrei sein sollen und „keine Schokoriegel in die Vesperbox“ und dass noch „Begleiteltern“ für den Wandertag fehlen – was bitte sind „Begleiteltern“? – und natürlich:
„Wer besorgt die Girlanden fürs Schulfest?“
„Das Thema ADS sollten wir nochmal vertiefen.“
„Ich möchte bitte die letzte Mathearbeit auf die Tagesordnung setzen und glaube, da spreche ich auch im Namen aller.“
In meinem nicht! Ich verstopfe meine Ohren vor dem elitären Elterngetöse, dass die noch nicht zutage getretene Hochbegabung des Sprosses einzig und allein am zu laschen Unterricht liege.
„Man muss Kinder nicht nur fördern, sondern auch fordern“, sagt eine teuer kostümierte Mutter und droht beifallheischend, dass es schließlich auch noch andere Schulen in dieser Stadt gebe.
„Wobei, das eine sage ich Ihnen“, raunt mir ein feister Anwalts-Papa zu, sollte sein Sohn im nächsten Bio-Test wieder nur eine Drei bekommen, erwäge er rechtliche Schritte. Weil ich nicht antworte, tauscht er mit jemand anderem Erfahrungen darüber aus, welcher Cello- und Klavierlehrer der beste sei.
„Entschuldigung“, kumpelt mich eine fragwürdig zurechtgeschminkte Mutter in bester Spätgebärendenprosa an, „und was spielt Ihr Sohn?“
„Computer und Fußball“, zische ich zurück.
Elternsprechabend.
„Mobbing – so weit würde ich nicht gehen“, sagt ein anderer Vater, der schon den ganzen Abend durch fingeschnipsendes Dauer-Melden unangenehm aufgefallen ist, aber er fände es schon beängstigend, wie einige Kinder hier ausgegrenzt würden, auch sein Jonathan-Elias täte sich trotz guter Schulnoten und reger Mitarbeit schwer, Freunde zu finden.
Weil er genau so ein dämlicher Streber ist wie sein Vater, denke ich, und das ist das Schreckliche am Elternsprechabend: Hier sprechen die Abziehbilder der Kinder, die exakten Blaupausen der Schleimer, Wortführer, Lehrertaschentrager und Angeber. Die Äpfel fallen nicht weit von den Stämmen ... Und was ist mit den Turnbeutelvergessern, Schweigern und künftigen In-der-Raucherecke-Stehern?
Ein paar Eltern hätten bislang noch gar nichts gesagt oder beigetragen, unkt das teure Kostüm in diesem Moment, und ob ihnen das Wohl ihrer Kinder nicht auch am Herzen liege? Viele Augenpaare richten sich auf jene Versprengten, die wie ich bislang teilnahmslos in den hinteren Bänken saßen und hofften, dass das hier vorüber gehen möge. Schnell erkenne ich in ihnen die Eltern von Toms Freunden Paul, Felix und Luka. So langsam entspanne ich mich.
„Dass passt schon“, sagt Pauls Vater, um das peinliche Schweigen zu durchbrechen, mit manchen aus der Klasse komme sein Sohn gut aus, mit anderen nicht so, aber das sei o.k. für ihn.
„Alles in allem fühlt er sich wohl in der Schule und ich vertraue ihm.“
Ich nicke. Dann ertönt der Gong.
Das Kostüm und der Anwalt stürzen auf die Lehrerin zu, weil sie noch „etwas loswerden wollen“, der Vater von Jonathan-Elias wischt die Tafel. Ich gehe mit Pauls Papa ein Bier trinken.
Zuhause liegt Tom friedlich und zufrieden in seinem Bett. Ich vertraue ihm.

© 2012 | aus: jess jochimsen, "krieg ich schulfrei, wenn du stirbst?" geschichten von einem chaotischen Grundschüler und seinem rabenvater, dtv

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