Im Kessel. Über Joe Bauer

Sagen wir gleich, wie es ist: Wenn ein Buch es schafft, seinem Leser unbändige Lust darauf zu machen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um nach Stuttgart zu fahren und dort spazieren zu gehen, muss es ein verdammt gutes Buch sein.
Joe Bauers neueste Sammlung ist genau so ein Buch. Es ist eine einzige Freude, dem Kolumnisten der „Stuttgarter Nachrichten“ auf seinen Wegen durch die viel geschmähte Schwabenmetropole zu folgen, mit ihm versteckte Winkel zu entdecken und „vergessene“ Geschichten erzählt zu bekommen. Das ist das Wunderbare: Dieser Mann schaut genau hin, forscht unerbittlich nach und vergißt nichts; weder die kleinen Mauscheleien noch die großen Lügen. Bauer nimmt einen mit in die Vorstadt oder nach Stammheim, in den Talkessel, auf die Halbhöhe und immer wieder zum geliebten Bahnhof, dessen Zerstörung er beschreibt wie kein Zweiter. Doch so wenig er müde wird, die Geld- und Gierpolitik von „Stuttgart 21“ und die politischen Fehlfarben von Schwarz bis Grün zu geißeln, so wenig verbirgt er seine Liebe zur verborgenen Schönheit und Historie der Stadt. Er weiß, dass Picassos „Lump“ ein Stuttgarter Dackel war, in welcher Mini-Bar Gary Cooper oder Ella Fitzgerald einst tranken (respektive heute trinken würden), aber eben auch auch, wer in der Stadt wann und wo vertrieben wurde, und vor allem von wem. Davon erzählt er – mal anrührend, mal komisch, immer erhellend.
Was die Gegenwart betrifft, bieten diese Stadtgeschichten die beiden wichtigsten Informationen überhaupt: von wem man sich fernhalten sollte und wo man es aushalten kann. Und was diese Text-Spaziergänge so besonders macht: die Mischung aus Wut und Liebe, aus Selbstironie und Leidenschaft, alles Eigenschaften, die man mit dem Stuttgart von Daimler und VFB eher nicht verbindet. Aber Joe Bauer geht ja auch zu den Kickers – zu Fuß.
Glücklich die Stadt, die einen Chronisten beheimatet wie diesen zärtlich grantelnden, geschichts- und geschichtenversessenen Flaneuer mit Elefantengedächtnis.

Joe Bauer, Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart (Edition Tiamat).

© 2012 jess jochimsen

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