Jess Jochimsen: Abgeworfen in Ennepetal

GALORE 4/2008, Interview von Patrick Großmann

20.01.2008, Ennepetal. Zum Fachmann des Provinziellen taugt der Kabarettist, Autor und Gelegenheitsfotograf Jess Jochimsen allein schon dank seiner Kinderstube im Münchner Speckgürtel. Entsprechend ambivalent ist sein Verhältnis zu einem Dasein im gesellschaftlichen Vakuum des Hinterlandes, dem er mit „DanebenLeben“ jüngst einen tragikomischen Fotoband gewidmet hat.

Jess, wir befinden uns hier im tiefsten Abseits der bundesdeutschen Provinz. Was ist Ihr erster Gedanke, wenn Sie im Rahmen einer Ihrer Tourneen an einem Ort wie Ennepetal stranden?
Jess Jochimsen: Dann denkt man: Okay, hier wirst du also jetzt abgeworfen. In irgendeiner Gaststätte mit Tiernamen. (lacht) Wobei, da sind sie ja hier im Hotel Rosine einfallsreicher. Womöglich macht das Ding deshalb direkt nach uns in ein paar Tagen dicht. Wer weiß.

Was empfinden Sie an einem solchen Ort? Mitleid?
Auch, aber nicht nur. Das ist so eine gepflegte Mischung aus Abneigung und einer zarten Bewunderung dafür, dass die Menschen, die hier ihr Leben fristen, das am Ende eben doch mit dem nötigen Anstand hinkriegen. Trotz aller Tristesse, die man von außen wahrnimmt, trotz des grandiosen Scheiterns, dem man an jeder Ecke begegnet.

Sie meinen: Geschäfte, die schließen. Plastikpflanzen auf Häkeldeckchen im Fenster...
... und nicht einmal eine Schlecker-Filiale, genau. Das hat etwas unfassbar Trostloses, eine Einsamkeit, die sprachlos macht. Und trotzdem tauche ich da immer wieder mal ganz gerne ein. Diese besondere Form trotziger Würde, die man so einzig und allein im städtischen Hinterland vorfindet, fasziniert mich. Es geht mir jedenfalls nicht darum, mich über andere zu erheben, denen es scheinbar noch dreckiger geht als mir selbst, sondern um eine generelle Vielschichtigkeit.

Am Bahnhof Ennepetal gibt es weder DB-Personal noch einen Taxistand. Dafür lungert ein merklich alkoholisiertes Karnevalisten-Ensemble auf Bahnsteig 1 herum. Kölschgläser baumeln um Hälse, Lieder werden gesungen. Es regnet Bindfäden. Orientierungslos taumele ich durch die nasskalte Dunkelheit vor dem verlassenen Gammelbau, froh, die Insassen eines startenden Autos nach der nächsten Bushaltestelle in belebtes Gebiet fragen zu können. Der männliche Part des älteren Ehepaares kurbelt die Scheibe herunter, ich frage. Wo ich denn hinmüsse? „Hotel Rosine“, sage ich. Der Mann scheint kurz davor, sich zu erbarmen, will bereits die Tür öffnen – da schallt es barsch vom Nebensitz: „Hören Sie, wir nehmen nie Anhalter mit!“ – „Aber ich wollte doch auch gar nicht...“ – „Trotzdem!“ Der Mann zuckt müde mit den Schultern. Dann fährt er los.

Auf mich machte der örtliche Bahnhof gestern Abend ehrlich gesagt keinen vielschichtigen, sondern einen allerdings würdelosen Eindruck.
Sie meinen dieses Gleisbett mit Ausstiegshilfe? Die Rückseite von China? Natürlich ist hier vieles würdelos. Mich interessiert ja aber gerade die Mischung aus dem, was man vorfindet – und wie hier damit umgegangen wird. Wenn man wie ich Komik betreibt, geht das nicht ohne eine geladene Portion Tragik und erbärmliche Zustände. Dann allerdings wird es spannend, finde ich. Verschönert einer sein Eigenheim mit einer Armada Stoffpuppen und Gartenzwergen, muss man erst mal lachen, klar. Da versucht ein Mensch im Angesicht seines Schweißes, der trostlosen Umgebung wenigstens ein kleines bisschen Gemütlichkeit abzutrotzen – und es funktioniert einfach nicht. (lacht) Dass einen diese gescheiterten Existenzen dennoch so herzlich empfangen, wenn man ihre Beiz betritt, zeugt von echter Größe. Reines, plattes Draufhalten und Weglachen wäre da definitiv Fehl am Platze. Mir geht es immer darum, eine Geschichte zu erzählen.

Gibt es für Sie als Profi-Reisenden Rituale, wenn Sie in solchen Gegenden zu Gast sind?
In meinem Fall gibt es zuallererst gewisse Arbeitsrituale, die einen ablenken: Man kommt in der Regel gegen drei Uhr an, und alles ist zu. Immer. Es gibt nichts zu essen, weshalb ich mir mittlerweile stets etwas mitbringe. Danach laufe ich meistens eine Weile herum; ohne festes Ziel, aber mit offenen Augen. Ich lasse die Gegend auf mich wirken. Man erlebt eigentlich immer irgendwas, das sich spontan in die Show einbauen lässt. Meine Kamera habe ich ohnehin immer dabei.

Nehmen wir dieses Hotel: Mir war klar, dass mich in meinem Zimmer ein einmal eingeschlagenes Kopfkissen mit einem darauf drapierten Schokoladentäfelchen oder Bonbon erwarten würde. Etwas Melancholischeres gibt es kaum.
(lacht) Ja, da haben Sie Recht. Bei Licht betrachtet ist das aber doch eher ein Zeichen unglaublicher Liebenswürdigkeit, oder? Auch wenn ich das Bonbon nie esse: Es ist trotz allem schön, dass es da ist. So schäbig diese Hotels und Pensionen oft daher kommen, gleichen sie, verglichen mit der direkten Umgebung, Oasen der Ruhe. Deshalb ist es wirklich tragisch und schade, dass dieses Hotel hier tatsächlich schließen muss.

Ist es spießig oder nur traditionell, wenn in einem Ort wie Ennepetal oder Helmstedt die Wellness-Oase „Fingernagel-Stübchen“ heißt?
Traditionell. Und klug, denn ein Hightech-Fitnesstempel würde hier einfach nicht angenommen werden. Und ganz im Ernst: Auf die Latte Macchiato-Besteller, die einem in Berlin-Mitte auf den Füßen stehen, kann ich gut und gerne verzichten. Ich will eine Geschichte erzählen, und das geht nirgends schlechter als in den vermeintlichen Trendgegenden, wo die Fassaden entsprechend glatt sind. Dass sich einer ein topsaniertes Loft in Schwabing mietet, erzählt nichts außer: Hey, schaut mal! Wir können uns das alles leisten und haben ein tolles Leben! Das ist mir zu wenig, da fehlen die Brüche. Bei einem Fingernagel-Stübchen hingegen, von dem die Farbe abblättert und wo du siehst, dass denen vor 15 Jahren die Kohle für ein ordentliches Schild gefehlt hat, geht sofort ein Fenster auf, und der Film rattert los. (überlegt) Wissen Sie, was übrigens komisch ist? Viele schauen sich meinen Bildband an und sind sich sicher, dass drei Viertel der Fotos aus Ostdeutschland stammen. Dabei ist es gerade mal ein einziges von 140 Motiven.

Ist die Tristesse dort denn eine substanziell andere?
Sie ist maroder, baufälliger. Das wäre ein ganz anderer Charme, aber sicher ähnlich aufschlussreich. Da ginge es dann eher um Umbrüche, darum, wie etwas Neues direkt neben etwas noch nicht ganz abgeschlossenem Alten aufmacht. In Städten im Westen wiederum sind oftmals gerade die Rückseiten und Nebeneingänge interessant. Der schäbige Hintereingang des Münchner Hofbräuhauses erzählt zehnmal mehr als der Haupteingang. Dafür muss man nicht einmal in die schon arg strapazierte Provinz. Ab Köln-Ehrenfeld wird’s definitiv spannend.

Roger Willemsen spricht im Zusammenhang mit Ihrem Buch von der „Dämonie des Normalen“. Ist ein spezifischer Blick nötig, um derartige Details adäquat einzufangen?
Ich denke, die Sensibilität für solche Facetten entwickelt sich mit dem Fotografieren. Irgendwann war es mir einfach nicht mehr genug, immer nur über diese Dinge zu schreiben. Anfangs sind mir die Motive bloß aufgefallen, wenn sie fast überdeutlich waren. Ich entscheide mich auch zunehmend bewusst gegen allzu plakative Sachen. Lustige Namen wie ein „Pfandhaus Theuerkauff“ oder einen „Optiker Augendübler“ zum Beispiel fotografiere ich heute kaum noch, weil es wenig erzählt. Es ist ein schneller Witz, mehr nicht.

Wenn Sie 40 Mal ein und dasselbe Privatfenster ablichten – beschwert sich da niemand?
Das kommt schon mal vor. Mir ist das einmal bei einer besonders traurigen Topfpflanze passiert, da kam der Bewohner aus dem Haus und wollte wissen, was ich eigentlich mache. Ich habe dann gesagt, dass mir die Pflanze einfach gut gefällt – und prompt war er versöhnt. Der hat das Ding ja letzten Endes auch dorthin gestellt, damit man es von außen sieht. Von innen ist ja die schäbige, gelb gerauchte Gardine dazwischen.

Könnte man sagen, dass es Ihnen bei alledem in letzter Instanz um ein soziologisches Interesse geht? Um das Ergründen einer fremden und doch so nahen Welt?
Und um deren spezifische Mechanismen und Brüche, ja. Die immanente Tragik zieht sich bis in die banalsten, nebensächlichsten Bereiche des menschlichen Daseins, und wenn man die aufspürt und ergründet, dann ist das ein hervorragendes Rüstzeug, um zu beschreiben, was dahinter liegt.

Reichenbach-Gymnasium, kurz vor acht Uhr abends. Die Eingangshalle des Siebziger-Zweckbaus bevölkert ein wahrlich illustres Völkchen. In der absoluten Überzahl: Theater-Abo-Publikum, wahlweise in Wollpullis mit grobem Kordelmuster oder knitterfreiem Sonntagsstaat. Es riecht nach Haarfestiger und schalem Bier, man redet über Lokalpolitisches. Jess Jochimsen? Kennt hier kaum einer, aber „man muss ja mal wieder raus.“ Keine zehn Minuten ist das Programm alt, da verwickeln Jochimsen und Bühnenkollege Sascha Bendiks eine eifrig knipsende und dann der Saaltür zustrebende Lokalreporterin in einen bezeichnenden Dialog: „Sind wir so öde, dass Sie jetzt schon gehen? Das wäre Rekord.“ Nein, sie müsse noch „zwei Kirmes-Veranstaltungen in Voerde fotografieren“. Einige junge Leute lachen. Der Rest schweigt. Später werden Jochimsens trostlose Dias gezeigt. Bei einem, auf dem ein ausgebranntes Gebäude mit der Aufschrift„Altdeutsche Beleuchtungen“  zu sehen ist, stehen etwa 30 Ennepetaler geschlossen auf und verlassen den Saal. Sie erkennen ihre Heimatstadt.

Das gestrige Programm erweckte den Eindruck, dass es Ihnen bei alledem um noch etwas geht: einen sanften Anstoß zur Rebellion, zumindest zur Verweigerung.
In meinem aktuellen Programm „Das wird jetzt ein bisschen wehtun“ ist das in der Tat ein Thema – und zwar gar nicht einmal die Rebellion als Weltentwurf, sondern nur das gesunde Bisschen ziviler Ungehorsam im Privaten. Mir ist aufgefallen, dass man – egal wie intellektuell man sich positioniert – irgendwann einfach drin ist in dieser Duckmäuser-Maschinerie. Man hört auf, sich zu wehren, spielt selbst in Situationen mit, die bei Licht betrachtet komplett absurd sind.

Wie das Beachten von Rauchverboten unter freiem Himmel?
Zum Beispiel. Die Situation, dass dich irgendein dahergelaufener Depp in Privat-Uniform anmault, nervt mich kolossal. Ich habe mir so einen Quatsch selbst viel zu lange und viel zu oft gefallen lassen. In solchen Situationen aufzumucken, musste ich erst wieder mühsam lernen. Das sind ja immer auch Menschen wie du und ich. Denen darf man gerade nicht auf Augenhöhe begegnen, sonst kommt es zum Kampf. Unterläuft man das Ganze dagegen, lässt man ihnen ganz schnell die Luft raus. Ich finde das auch für die Bühne zigmal spannender als die im Kabarett handelsübliche Konsensgeschichte: Ich stelle mich mit Bedacht nicht da oben hin, habe die Zeitung gelesen und reiße Witze übers politische Personal, bei denen sich das Publikum, in seiner Meinung bestärkt, auf die Schenkel klopft. Kohl-Witze mutieren zu Schröder-Witzen, werden zu Merkel-Witzen. Das ist mir persönlich zu billig.

Von Abfeiern oder gar Anbiedern konnte gestern nicht die Rede sein.
Im Grunde waren diese Leute gar nicht mal so arg weit entfernt vom typischen Kabarett-Publikum. Gut, vielleicht hatten sie sich einen Tick zu sehr in Schale geworfen. Der gestrige Abend war sicher grenzwertig, nur: Die haben sich das ja selbst ausgesucht. Wir hatten allein 180 Zahlende, weitaus weniger Abo-Publikum, als man denken würde. Ein stückweit ist diese Verunsicherung zudem auch Sinn des Programms. Auf diesem Grat zu balancieren, ohne runter zu fallen, das ist meine Mission. Nur dann passiert irgendwas mit dem Publikum und mit mir selbst. Hätten die gestern alle einen Bombenabend gehabt, wäre ich unbefriedigt ins Bett gegangen. Stattdessen waren sie zumindest stark verwirrt. Mehr kann ich nicht verlangen.

Ist es auf der Bühne schon einmal richtig eng geworden für Sie?
Es gab bisher exakt zwei Situationen in meiner 17-jährigen Bühnenlaufbahn, bei denen ich den Saal komplett geleert habe. Einmal waren noch 20 von ursprünglich bestimmt 300 Zuschauern da. Da war ich scheinbar noch nicht so gefestigt und habe den Bogen überspannt. Ich war zu unverschämt.

Inwiefern?
Ich hatte damals noch einen unglaublich zynischen Frosch im Programm, den ich sehr naturalistisch auf einem grünen Tisch spielte; in Frosch-Pose. Der fraß Fliegen und referierte polternd aus seinem deprimierenden Leben. An besagtem Abend hat einfach nichts gestimmt: zu krass, zu laut – und dann eben bald sehr leer. (lacht) Handgreiflich ist aber noch nie einer geworden, falls Sie das meinen. Mittlerweile ist mir alles lieber als Konsens-Komik und nickende Zustimmung. Zu leugnen, dass ich dabei manchmal einen Riesenschiss habe, wäre allerdings frech gelogen.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung der GALORE

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