Zwei Wochen im Herbst. Ein Tagebuch

5.10. Um den Schulweg für die kommenden vierzehn Tage sicherer zu gestalten, schrauben zwei Männer eine elektronische Anzeigetafel an die Straße vor unserem Haus, auf der man ablesen kann, wie schnell man durch die Zone 30 brettert. "Freiwillig langsam", lautet das Stichwort. Ich bin begeistert, dass der Staat mal was macht in meiner direkten Umgebung. Bei den ersten beiden Autos, die vorbeifahren, zeigt die Tafel "68" beziehungsweise "82" km/h an. Meine Begeisterung läßt nach.

6.10. Mein Sohn Tom findet heraus, dass die Anzeigetafel auch die Geschwindigkeit von Radfahrern misst. "Auf dem Heimweg bin ich 38 gefahren!", eröffnet er mir stolz beim Mittagessen. Den gesamten Nachmittag spielen er und seine Freunde "Sprintankunft bei der Tour de France". Meine Begeisterung nähert sich dem Nullpunkt.

7.10. Weil Tom sein Taschengeld bereits ausgegeben hat, wackelt er seit Tagen wie ein Bekloppter an seinen verbliebenen Milchzähnen herum. (Alle Spieler der rumänischen Nationalmannschaft namentlich kennen, aber an die Zahnfee glauben! Ich werde noch wahnsinnig!) "Wer hat diesen Käse eigentlich aufgebracht, dass es für jeden ausgefallenen Zahn Geld gibt?", frage ich brüllend. "Du", sagt Tom.

8.10. Finde meine Kneifzange und einen Handspiegel auf Toms Schreibtisch; ich sage nichts, sondern zahle bereitwillig im Voraus, um Schlimmeres zu verhüten. (Morgen ist mein freier Tag; ich werde mit einer Freundin ins Kino gehen und für ein paar Stunden an was anderes denken!)

9.10. Gehe doch nicht ins Kino, weil ich vergessen habe, dass meine Freundin frisch Mutter geworden ist. "Die Kleine kriegt gerade Zähne, es ist die Hölle, ich muss leider absagen." Ich sage ihr, dass sie froh sein soll und dass das Verlieren der Zähne viel stressiger sei als das Kriegen - sie glaubt mir kein Wort.

10.10. Eine Frau mit Rad und Kinderanhänger strampelt an der Geschwindigkeitsanzeigetafel vor unserem Haus vorbei. Aus dem Anhänger ertönt eine quäkende Kinderstimme: "Gib Stoff, Mama. Die Mutter von Kevin hat 41 geschafft!" (Himmel hilf!)

11.10. Tom will einen Taschengeldvorschuss. Ich lehne ab. Er fragt nach der Kneifzange. Ich bleibe hart, verstecke aber zur Sicherheit mein gesamtes Werkzeug.

12.10. Tom will einen Taschengeldvorschuss und sagt, er würde dafür auch sein Zimmer aufräumen. Ich kann darin zwar keine Logik erkennen, zahle in Anbetracht des Kinderzimmerzustandes aber bereitwillig.

13.10. Wieder kein Kino. Meine Freundin habe sich beim "Milchabpumpen verstillt" und nun sei die eine Brust größer als die andere und so traue sie sich nicht aus dem Haus. Ob ich sie nicht besuchen wolle. Ich will und trage dann den ganzen Abend ein schreiendes Kleinkind durch die Wohnung, während die schiefbusige Mutter vor dem Fernseher einschläft. (Was tut man nicht alles!)

14.10. Beim Überqueren der Straße werde ich um ein Haar von einem radelnden Viertklässler über den Haufen gefahren. Sein Kommentar: "Oh Mann, jetzt hast du mir meinen Rekord versaut!"

15.10. Tom will wissen, warum jeden Tag eine alte, "zerlumpte" Frau die Mülleimer bei der Schule durchwühle. Ich erkläre ihm in kurzen Worten, was "Armut" bedeutet. "Und wenn sie jemand ansprechen will, rennt sie weg", sagt Tom. Ich erkläre ihm in kurzen Worten, was "Scham" bedeutet. Tom wirkt sehr nachdenklich.

16.10. Die Geschwindigkeitsmesstafel vor unserem Haus wird entfernt. Der Verkehr beruhigt sich zusehends.

17.10. Es verschwinden Anziehsachen und Lebensmittel aus dem Haus. Auf energisches Nachfragen gesteht Tom, er habe die Sachen für die alte Frau in die Mülleimer bei der Schule geschmissen. Diesmal fällt meine Erklärung länger aus; bin aber sehr stolz.

18.10. Endlich Kino! Nachdem meine Freundin den ganzen Film verschlafen hat, sagt sie, Kinder raubten einem echt den letzten Nerv. Ich sage: "Aber man erlebt die tollsten Sachen." Sie glaubt mir kein Wort.

© 2008 jess jochimsen. zuerst erschienen in: spielen & lernen

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