Schlachtgesang des Rabenvaters

Ja, ich habe es kapiert. Wenn ich nicht bald mein Larifari-Leben ändere und meinen Sohn besser auf die Leistungsgesellschaft vorbereite, wird er es zu nichts bringen. Er wird keinen Job bekommen und zusammen mit seinen adipösen Freunden in dunklen Prekariatskellern ein freudloses Alkoholiker-Dasein fristen, abhängig von Hartz IV und dem bißchen Geld, das seine Frau auf dem Strich verdient. Und alles nur, weil ich ihm das Computerspielen nicht rigoros genug untersagt, ihn nicht auf eine Eliteschule geschickt und ihm von Zeit zu Zeit ein Nutellabrot gegönnt habe.
Ich hätte es doch wissen müssen, schließlich stand es doch geschrieben!
Und ja, auch das habe ich verstanden: Wenn ich nicht bald mein Larifari-Leben ändere und meinen Sohn besser vor der Leistungsgesellschaft schütze, wird das ebenfalls nichts mit dem Erfolg. Er wird keinen Job bekommen und zusammen mit all den anderen sozial inkompetenten „Fachwissen-Idioten“ und teamunfähigen „Ellbogen-Ego-Shootern“, für die die hochkomplexe, vernetzte Globalisierung keine Verwendung hat, für immer auf Kleiderspenden und Suppenküche angewiesen sein. Und alles nur, weil ich ihn nicht zu Kreativität verdonnert, ihn nicht auf eine Alternativ-Schule geschickt und ihn von Zeit zu Zeit für gute Noten gelobt habe.
Ich hätte es doch wissen müssen...
Alle paar Jahre erscheint ein Pädagogik-Bestseller, der auf drastische Weise vor Augen führt, dass unser Bildungs- und Erziehungswesen völlig falsch ist, dass unsere Kinder allesamt zu „Weichlingen“, „Verlierern“ und „asozialen kleinen Despoten“ erzogen werden, die auf dem globalen Arbeitsmarkt gnadenlos untergehen, weil sie von viersprachigen, perfekt Geige spielenden und mehrere Doktortitel tragenden 12-jährigen Chinesen abgehängt wurden. Diese Bücher heißen „Lob der Disziplin“, „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ oder – wie jüngst gewohnt hysterisch diskutiert – „Die Mutter des Erfolgs“. Allen gemein ist das manische Schüren von Zukunftsängsten und das Herausposaunen der heiligen Bildungstrias „Leistung, Strenge und Gehorsam“.
Liebe Tigermütter und Internatsväter, es reicht! Ich werde meinem Sohn nicht mit dem Entzug von Essen und dem Verbrennen von Spielzeug drohen, damit er zu einem wertvollen und erfolgreichen Mitglied der Gesellschaft wird. Es gibt Gesellschaften, von denen sollte man sich fernhalten!
Und ich werde auf der anderen Seite ebenfalls nicht in den Chor der reflexartig auftretenden „Zucht und Ordnungs“-Gegner miteinfallen, die unter umgekehrten Vorzeichen ebenfalls Bildungspanik verbreiten, in „G8“ und „Überforderung“ den Untergang des Abendlandes sehen und Alternativschulen mit „Förderkurs Häkeln“, Süßigkeitenverbot und täglichem Elternkreis zum Thema „verbale Gewaltprävention im Sandkasten“ für den einzigen Ausweg halten.
Schon interessant: Beide Wege, die Disziplin-Schmiede wie das Alternativ-Modell, setzen auf späteren Erfolg und sind zutiefst elitär. Das könnte man schon daran erkennen, dass beide sehr teuer und nur einer Minderheit vorbehalten sind.
„Mein Kind soll es später einmal besser haben“ und „Früher war alles besser“. Um die Kombination dieser beiden Sätze kreisen alle Pädagogikbestseller und vielleicht fällt irgendwem mal auf, dass das nicht nur einen unauflösbaren Widerspruch darstellt, sondern auch, dass schon jeder Satz für sich genommen grundfalsch ist.
Viel wäre gewonnen, wenn man die grassierende „Elternliteratur“ einfach links liegen ließe, denn „Angst essen Seele auf“. Und das Denken gleich mit! Alles Wichtige steht bei „Pippi Langstrumpf“ und den „Herdmanns“. Und bei Goethe, der einmal geschrieben hat, in der Erziehung gehe es ausschließlich um dies: Den Kindern „Wurzeln und Flügel“ zu geben. Daran werde ich mich orientieren. Mit all meiner Kraft und Liebe. Und ansonsten: Gelassen bleiben. Lieber Rabenvater als Tigermutter! Ich werde auch die Berliner Lehrerin Ursula Sarrazin, Gattin des erklärten deutschen Chef-Phobikers Thilo, überstehen. Ihr angekündigtes Buch über härteres Durchgreifen an den Schulen werde ich heiter ignorieren. Angeblich soll sie unlängst einem Schüler eine Blockflöte über den Kopf gezogen haben. Der Kopf blieb heil, das Instrument war kaputt – das ist doch ein Anfang: Von deutschem Boden dürfen nie wieder Blockflöten ausgehen!

© 2011 jess jochimsen. zuerst erschienen in: spielen und lernen.

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