Piratdeketiv
Mein Sohn Tom hat einen sehr schönen neuen Beruf: Er ist "Piratdeketiv". Und was für einer: Sherlock Holmes, Sam Spade, Magnum und Mattula können einpacken. Hier kommt Tom, der "Piratdeketiv"! Das hat Klang, finde ich. Da hört man Effizienz, Zielstrebigkeit und Erscheinungsbild gleich mit. Willst du üble Machenschaften aufdecken, hol' einen "Deketiv".
Die alte Berufsbezeichnung ging doch eh immer an der Sache vorbei. Privatdetektiv. Was ist denn an zerbeulten Trenchcoats, albernen Mützen und peinlichen Pfeiffen bitte "privat"? Geht's noch auffälliger?
O ja, es geht: Mit Augenklappe, Pistole und Säbel, so jagt man heute die Bösen! Das Verbrechen soll sich warm anziehen.
Allerdings müsste es dazu erst mal geschehen. Das ist das Problem, die Auftragslage für junge Piratdeketive ist mau.
Ich musste einfach nachhelfen... Als erstes stopfte ich sämtliche unbezahlte Rechnungen in einen Umschlag, versteckte ihn im Keller bei den alten Sachen und beauftragte Tom dann nach "streng geheimen, schrecklichen Dokumenten" zu fahnden. Er brauchte keine halbe Stunde, und weil er auch noch ein paar kompromittierende Urlaubsfotos von mir ausgrub, fiel die Provision üppig aus.
Aber so richtig aufregend war das nicht, Kalle Blomquist, "tkkg" und "die drei ???" haben einfach andere Maßstäbe gesetzt, und ich fühlte mich in der Pflicht.
"Weißt du, Tom", schlug ich deshalb vor, "wenn das Verbrechen nicht zu dir kommt, musst du es vielleicht suchen. Es kann hinter jeder Ecke lauern. Geh raus, beschatte Verdächtige..."
Ich weiß nicht, welcher Teufel mich ritt, aber mein Blick fiel auf die Straßenlaterne vor unserem Haus, und da hängt seit Langem ein vergilbtes Wahlplakat von einem unserer Stadträdte, der a) doof und b) in einer schlimmen Partei ist, und außerdem c) nur einen Block entfernt wohnt.
"Der Mann auf dem Poster da, zum Beispiel", sagte ich, "der kommt mir ... seltsam vor."
"Ich kümmer' mich um den Fall", sagte Piratdeketiv Tom und weg war er.
Und ich war zerknirscht. So was darf man einfach nicht tun, den eigenen Sohn zum Spitzel machen...
Als Tom wiederkam, und ich gerade zu einem erzieherischen Canossagang antreten wollte, sagte er: "Sorry, Papa, die Sache ist sauber. Ich habe nur rausgefunden, dass die Frau böse ist, weil ihr Mann das Plakat nicht abhängt."
"Gute Arbeit, Tom. Aber jetzt bist du raus aus dem Fall. Versprochen?"
"Na ja", druckste er herum, "er hat mir einen Euro geboten, wenn ich das Poster abhänge, aber..."
"Aber was?"
"Von seiner Frau kriege ich 1,50 Euro, wenn ich's hängenlass' und ... na ja, eine Brille und einen Schnurrbart und so draufmal'."
Guck an, dachte ich, bis eben noch unterbeschäftigt, und jetzt gleich zwei Auftraggeber.
"Was soll ich denn jetzt machen?", fragte er.
"Das musst du selbst entscheiden." (So was sage ich immer, wenn ich keine Ahnung habe.)
"Beides geht nicht, oder?"
"Wohl kaum."
Was soll ich sagen? Tom hat schweren Herzens das Mandat niedergelegt. Trotzdem war das Plakat kurz darauf verschwunden, und im Briefkasten lagen 2,50 Euro Honorar.
Tom hat sich davon einen neuen Säbel gekauft. Die "Deketei" hat er geschlossen, er ist jetzt nur noch Pirat. Ist eh der ehrlichere Beruf.
© 2008 jess jochimsen. text erschienen zuerst in: spielen & lernen.
