Notizen aus Deutsch-Südwest - Was so war (von Januar bis August 2010)

Folgende Wörter sollte man öfter mal wieder sagen: „Bohei“, „Firlefanz“, „Halunke“ und „Piepmatz“. Außerdem sollte man schnellstens bald wieder nach Wien reisen.

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Die Krise erreicht die Sprache. An einem Gasthaus lese ich den Satz: „Iss bei mir, sonst verhungern wir beide.“

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Aus Gründen einer temporären Niedergeschlagenheit sehe ich Samstag Abend fern. Eine Sendung in der ARD – live aus Freiburg. „Verstehen Sie Spaß?“ – Nein. Ich verstehe ihn nicht. Kein Stück. Der Oberbürgermeister muss in der ersten Reihe sitzen und lachen. Die Schattenseite der Macht.

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Aus der Zeitung erfahre ich, dass 2% aller Katzen unter einer Menschenallergie leiden. Sie reagieren mit Jucken, Niesen, Schwermut und Unwohlsein auf ihr menschliches Umfeld. Fühle mich bestätigt in der Annahme, eigentlich eine Katze zu sein.

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Die BBC blendet während der Hymnen beim Achtelfinalspiel gegen England den Text der ersten Strophe des Deutschlandliedes ein. Das war kein Fehler, das war Absicht!
Erinnere mich an meine Schulzeit. „Wir singen nur die dritte Strophe“, sagte unser Lehrer immer, „die erste singen wir nicht mehr sooo...“ Dabei kennt sie jeder: „Deutschland, Deutschland über alles..., von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt...“ Maas, Memel, Belt - nie gehört, die Etsch kenn ich. Die fließt durch Südtirol, da musste ich als Kind immer in den Urlaub hin, totlangweilig war die Etsch, da wollte ich die anderen Flüsse schon gar nicht mehr kennenlernen. So einfach kann Antifaschismus sein.

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In einem persischen Lokal in Köln bekomme ich einen chinesischen Glückskeks mit tamilischem Sprichwort: „Gastfreundschaft und Medizin sollst du auf drei Tage beschränken.“ Werde mich dran halten. Zahlen, bitte.

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Personen, die im ersten Halbjahr von sich reden machten: Margot Käßmann, Philipp Rösler, Oliver Pocher, die Scorpions, Ursula von der Leyen, Lena Meyer-Landrut, Christian Wulff. Alle aus Hannover. Es gibt Zusammenhänge.

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Beschließe folgenden Satz von nun an bei jeder sich bietenden Gelegenheit zu sagen: „Wegen mangelndem Respekt meiner Person und meinem Amt gegenüber trete ich zurück. Das gilt mit sofortiger Wirkung.“

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Mein Sohn nennt mich beim gemeinsamen Fußballspiel einen „alten, schwitzenden Sack“. Ich sage: „Wegen mangelndem Respekt meiner Person und meinem Amt gegenüber trete ich zurück. Das gilt mit sofortiger Wirkung.“

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Beim Ausmisten des elterlichen Speichers finde ich ein sprachliches Kleinod aus dem Jahr 1983: ein Entschuldigungsschreiben meiner Mutter, das mich vom Schulausflug in die Gedenkstätte Dachau befreite. Meine Mutter schrieb lapidar: „Mein Sohn kann leider nicht mit ins KZ - wegen Schnupfen.“

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Die dpa twittert zur Bundespräsidentenwahl folgendes: „Jochimsen chancenlos und jämmerlich.“ Ich twittere zurück: „Erzähl was Neues!“

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Habe zum wiederholten Male einen erotischen Traum mit mir und Dr. Silvana Koch-Mehrin in den Hauptrollen. Wir sind in einem Strasbourger Bordell und ich mühe mich wie ein Bekloppter ab, nicht zu früh zu kommen, während Silvana mir ins Ohr haucht, dass sich Leistung wieder lohnen müsse.
Während der Zigarette danach frage ich sie, um wieviel ihrer Meinung nach die deutschen Schulden in der Zeit unseres Beischlafes angestiegen wären. Sie antwortet: „Viel kann’s nicht gewesen sein.“

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„Wegen mangelndem Respekt meiner Person und meinem Amt gegenüber trete ich zurück. Das gilt mit sofortiger Wirkung.“

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Alle schimpfen auf die faulen Hellenen und den 22 Milliarden Rettungsschirm für Griechenland. Mal nur so: Was ist das schon, verglichen mit der 500 Milliarden-Bürgschaft für deutsche Banken? Allein die Rettung der Commerzbank lag bei 18 Milliarden. Also, wenn ich mich entscheiden müsste... Commerzbank oder Griechenland... Wie so oft stellt Friedrich Küppersbusch die richtige Frage: „Wer will schon in der Commerzbank Urlaub machen?“

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Ein Freiburg-Heftchen fragt mich nach meiner Meinung zur anstehenden Bürgermeisterwahl. – Gut, dass Sie mich dran erinnern, schreibe ich zurück, und suche dann vier Stunden im Altpapier nach dem Wahlschein. – Das sei doch einmalig, schreibt das Heftchen, ein linker, ein linkerer und ein ganz linker Kandidat. – Ich frage zurück, wer wer sein soll. – Das Heftchen: Na, SPD, GRÜNE und LINKE, so schwer kann das doch nicht sein. – Ich: In Freiburg schon. – Das Heftchen beharrt: Immerhin wird das doch wohl zum zweitem Mal ein OB von den GRÜNEN. – Ich: Ja, ja, von den GRÜNEN, aber der meint das nicht so. – Das Heftchen befindet, ich sei ja wohl eher unkomisch und destruktiv. – Das hör ich öfter. (Dann trete ich wegen mangelndem Respekt zurück.)

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Erinnere mich an einen schönen Satz: „Die vielen Niederlagen haben meinen Rücken gerader werden lassen – meinen Mittelfinger aber auch.“

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Während der WM beschließe ich, dass ich – wenn es dereinst so weit sein wird – verbrannt werden will. Vor der Verbrennung möchte ich allerdings wiedergeboren werden; als Deutschlandfähnchen.

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Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG meldet eine gute Nachricht: „Journalisten haben wieder mehr Lust auf Inhalte.“ Jetzt müssen nur noch die Inhalte Lust auf Journalisten bekommen.

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Aus aktuellem Sparmaßnahmen-Anlass zurück auf Anfang Jahr: Die Hartz IV-Empfänger sind an allem schuld. Insbesondere an Dekadenz und spätrömischen Verhältnissen.
Sagt die FDP, also die Interessensvertretung für jene Deutsche, die mehrere Wohnsitze im Ausland ihr eigen nennen und gerade ein Hotel geerbt haben. Weniger Staat, mehr Markt.
Mal kurz nachgerechnet: Mit 21 Chef der Jungen Liberalen, mit 26 im Bundesvorstand der FDP, mit 29 das Jura-Studium abgeschlossen, mit 32 FDP-Generalsekretär, mit 39 Bundesvorsitzender, mit 44 Vorsitzender der Bundestagsfraktion, mit 47 Außenminister - wann hat Guido Westerwelle seinen Lebensunterhalt eigentlich mit etwas anderem bestritten als mit Staatsgeld?
Wieder gilt ein Satz Friedrich Küppersbuschs: „Im vorrevolutionären Frankreich, konnte man sich für so eine Leistung immerhin die eigene Laterne aussuchen.“

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Irgendwie finde ich, dass die großen Fußballnationen wenig begeistert haben in Südafrika. Gerade von England und (letztlich auch) von den Niederlanden hätte ich mir mehr erwartet – wann hat man schon mal eine WM im eigenen Land?

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Rührend: Für mehr als eine halbe Million Euro wird der Werbeslogan von „Stuttgart 21“ geändert. Von „Das Herz Europas“ in „Die guten Argumente überwiegen“. Ob das bei den Demonstranten ankommt?

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Laut Forsa-Umfrage kennen 96% aller Deutschen Heidi Klum. Genauso viel wie Jesus. Kann man nicht meckern.

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Nein, kein Wort zu Thilo Sarrazin!

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„Wegen mangelndem Respekt mir und meinem Amt gegenüber trete ich zurück. Das gilt mit sofortiger Wirkung.“

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Nach genauem Abwägen von so einigem und dem Prüfen verschiedenster Faktoren beschließe ich, dass 2010 - trotz allem – bislang ein gutes Jahr ist.


© 2010 jess jochimsen

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