Notizen aus Deutsch Süd-West - Was so war (von Juni bis März 2009)

Ich finde ein schönes Goethe-Zitat: „Habt ihr nun bald das Leben genug geführt? Wie kann’s Euch in die Länge freuen? Es ist wohl gut. Dass man’s einmal probiert. Dann aber wieder zu was neuem!“ Na dann.

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Guck an, in Stuttgart taugen die GRÜNEN als Protestpartei. Das erinnert mich an den Werbeslogan, mit dem „Stuttgart 21“ vor einem Jahr die deutschen Gazetten belästigte: „Wir begrüßen unsere künftigen Vororte Paris, Wien und Budapest.“ (Haben die keine Berater? Das hat doch schon in den 40er-Jahren nicht geklappt.)

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Warum werden Intellektuelle im Fernsehen immer vor ihrem Bücherregal interviewt und nicht, sagen wir, in ihrer Küche - vor einer Stellage mit leeren Joghurtbechern?

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Habe einen erotischen Traum mit mir und Dr. Silvana Koch-Mehrin in den Hauptrollen. Ich mühe mich wie ein Bekloppter ab, nicht zu früh zu kommen, während Silvana mir ins Ohr haucht, dass sich Arbeit wieder lohnen müsse. (Jetzt haben sie mich so weit.)

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Zum dritten Mal in Folge passiert es mir, dass ich beim Hören von SWR1 gute Laune bekomme. (Altern in Unwürde.)

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Man sollte viel öfter nach Wien fahren. (Der überall hingepappte FPÖ-Slogan „Unser Kurs ist klar: Abendland in Christenhand“ kann nicht darüber hinwegtäuschen, wie entspannt diese Stadt ist und welch wunderbare Menschen sie bewohnen.)

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Geburtstage, die ich nicht vergessen habe: A., H., der andere H. (Dauerkarte Nordtribühne), B. (drittes Kind, Respekt!).

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Die Wahlplakate machen mich traurig. - Sind doch nur Fotos. Und Namen. Und Sprüche. - Eben, sie machen mich abgrundtief traurig. (In Freiburg kandidieren ein Vater und sein Sohn, Arm in Arm, für die FDP. Ich glaube denen kein Wort!)

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Jetzt geht das wieder los, dass alle in diesen Crocks rumlaufen, weil die sooo leicht sind. Und so häßlich!
Hätte dieser irakische Journalist, der George W. Bush mit seinen Schuhen beworfen hat, mit Crocks geworfen, wäre diese Aktion ästhetisch von einer ganz anderen Tiefe gewesen.

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Im Stadion wird schon der Aufstieg gefeiert. Warum benehmen sich Fans, wenn die erste Liga winkt, immer so daneben?

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Am Hauptbahnhof treffe ich zufällig meinen früheren Tontechniker, was sehr unerquicklich ist, weil er mir noch ziemlich viel Geld schuldet. Er redet wie ein Schlagzeuger: „Hey, nächste Woche habe ich einen Job, dann kriegste dein Geld. Musst mir nur nochmal deine Bankverbindung durchfunken.“
Ich gebe ihm die Kontonummer der Stadtwerke. Sollen doch die das Geld nicht kriegen.

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In der Discothek „Nachtschicht“ in der Innenstadt findet eine „Porno-Brillen-Party“ statt.
Was ist das? Ich will’s gar nicht wissen.
Sind das diese Brillen, mit denen man angeblich durch Kleider durchgucken kann? Ich will das nicht sehen. Außerdem haben diese Brillen schon damals als YPS-Gimmick nicht funktioniert. Ich versteh’s nicht...
Ich verstehe eh viel nicht, gerade in dieser Gegend.
Dort ist das Trinken von Alkohol auf der Straße verboten. Und in den Kneipen das Rauchen. Entwürdigend. Die Leute stehen in den Türen, in den geöffneten Fenstern, Bier drin, Kippe draußen - das ist doch keine Haltung.

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Ich beschließe endgültig, dass mir die Bankenkrise egal ist. Ich lebe seit 15 Jahren knietief im Dispo, es ist mir egal! (Ich habe immer Schulden, jetzt hat meine Bank welche - ist doch schön, dass sie das Gefühl mal kennenlernt.)

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Um mein mir selbst gesetztes Rauchkontigent nicht zu überschreiten, fange ich an, halbe Zigaretten zu rauchen. Halbe Zigaretten... es ist so jämmerlich.

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Mein Mitbewohner schlägt vor, eine Privatbank zu gründen, damit wir in den Genuss des staatlichen Rettungspakets kommen. (Klappt nicht.)

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Wenn kein „Bernd-Lafrenz-Aufkleber“ über dem Pissoir hängt, ist es auch keine Kleinkunstbühne!

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Das Markenzeichen der Toiletten-Firma GEBERIT ist eine im Urinal eingelassene Fliege. Ich fürchte, es sagt nichts Gute über meine Psyche aus, dass ich jedes Mal beim Pinkeln den Drang habe, diese Fliege zu treffen.
Und das spritzt dann auch immer so unschön zurück.

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Ich muss zu Cloè und Fritz zum Essen. Ins Freiburger VAUBAN-Viertel, wo sie jetzt wohnen. Von der Wiehre ins Vauban ziehen, das ist kein Aufstieg, kein Abstieg, sondern eine Notwendigkeit. Von der Hilda- in die Georg-Elser-Str., das muss reichen in puncto Widerstand. Das Vauban: Die größte Dichte an Kinderfahrrad-Anhängern in ganz Mitteleuropa; ich freue mich auf den Tag, in zehn Jahren, wenn die Kids dort alle auf einen Schlag in die Pubertät kommen - die legen das Viertel in Schutt und Asche. Bis dahin wird dort gegessen.

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In Finnland findet der jährliche Wettbewerb im Handyweitwurf statt. Zu gewinnen gibt es ein Handy.

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In St. Petersburg sprengen Unbekannte ein Loch in den Arsch der Stalin-Statue. Sogar die FAZ macht ein Wortspiel daraus. (So weit ist es schon.)

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Die bei Neonazis beliebte Kleidungsmarke „Thor Steinar“ wird an einen arabischen Inverstor verkauft. Für einen Tag herrscht Ratlosigkeit in den rechten Blogs. Dann hat „killerskin74“ die rettende Idee: „Wenn man sich die Klamotten vorher gekauft hat, isses okay.“

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In Köln stürzen Häuser an, bei uns laufen Kinder Amok.

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In der Schule wird ein „außerordentlicher Elternabend zum Thema Sicherheit“ einberufen. So etwas will ich nie wieder erleben.
„Ganz ehrlich, das macht mir Angst...“ - „Da muss man jetzt was machen. Echt wahr.“ - „Computerspiele verbieten. Das wär mal das allererste.“ - „Und einen Wachschutz bei uns an der Schule!“ - „Der Malte aus Sarahs Klasse, das ist auch so ein komischer Junge, immer still, immer allein... Ich mein’ ja nur, den sollte man vielleicht mal überprüfen...“ - „Und einen Wachschutz an der Schule, zur Sicherheit!“
Überhaupt ist Sicherheit das allerwichtigste. Gerade für Kinder. Und schon wird das Thema gewechselt in Richtung Kinderpornografie und einen Abgeordneten, der dessen beschuldigt wird. „Und stellt euch vor, der ist in der SPD!“ Als ob das was erklären würde.
„Das muss alles besser gesichert sein. Wenn wir doch einen Wachschutz...“ Himmel, gutsituierte 40jährige, die am friedlichsten Flecken der Welt leben, reden über Sicherheit. SICHERHEIT, vor Amokläufern, vor Kinderschändern, vor skifahrenden Ministerpräsidenten und natürlich vor Terroristen. „Die haben Deutschland nämlich auch im Visier, die Terroristen.“ Als ob bei uns Flugzeuge in Türme fliegen würden. Wir kriegen das ganz alleine hin, dass Gebäude einstürzen. „Einen Wachschutz...“
Und die Musik dazu kommt von der Band „Silbermond“, dieses Lied:
„Gib mir ’n kleines bißchen Sicherheit...“ Ein Chart-Erfolg! Menschenskinder, im Rock’n’Roll ging’s mal um Sex, Drugs und Rebellion, heute wird um „Sicherheit“ gebettelt, aber nur „ein kleines bißchen“. „Ein kleines bißchen Sicherheit...“ Man sollte die Panikmacher dieses Landes in einen Raum sperren und einen Tag lang mit diesem Gesäusel beschallen, bis wieder Vernunft einkehrt! „Ein kleines bißchen Sicherheit...“ ...

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Zwei Monate nach dem Jahreswechsel beschließe ich, dass 2009 - trotz allem - ein gutes Jahr wird.

© 2009 jess jochimsen

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