Literatur-Tipps 2016 (und auch die von früher)

Thees Uhlmann, Sophia, der Tod und ich (Kiepenheuer & Witsch): „Was passiert, wenn eines Tages der Tod bei einem klingelt und sagt, dass man nur noch ein paar Minuten zu leben hat?“
Ich habe keine Ahnung. Aber ich weiß, was passiert, wenn ich ein Buch in die Hände nehme, auf dessen Rückseite diese Frage in fetten, roten Lettern geschrieben steht und darunter ein „rasanter, hochkomischer, berührender Roman über all das, was im Leben wirklich zählt“ versprochen wird: Ich lege das Buch erstmal wieder weg! Weil ich das nicht glaube. Weil das nach einem ziemlich ausgelutschten Setting klingt. Und weil es sich bei diesem Buch um den Debutroman von Thees Uhlmann handelt, der sich weder in seinen „Tocotronic Tourtagebüchern“ aus dem Jahr 2000 noch in seinen Liedern (egal ob Solo oder mit der Band „Tomte“) in Sachen Rasanz, Hochkomik oder Anrührung besonders hervorgetan hat ... Ja, schon gut, persönlicher Geschmack, ich weiß, und eine gehörige Portion Hybris meinerseits, gepaart mit Ressentiments dümmlicher Art.
Ich habe meinen selbst verordneten Aufenthalt in der Scham-Ecke zur Lektüre des Buches genutzt und wurde von der ersten bis zur letzten Seite eines Besseren belehrt: Sophia, der Tod und ich ist eine ganz und gar wundervolle Geschichte, ein extrem lustiges Road-Movie und ein wildes, irrsinniges, und, ja, auch berührendes Großstadt-Märchen.
Der Tod klingelt tatsächlich an der Tür des Ich-Erzählers, aber ansatt seinem eigentlichen Auftrag nachzukommen, berichtet er lieber von seinem depressiven Jobprofil und begleitet den Helden auf eine abenteuerliche Reise quer durch die Republik. Mit dabei: die Exfreundin und die Mutter. Das Ziel: der siebenjährige Sohn, den der Erzähler seit Ewigkeiten nicht gesehen hat, dem er aber jeden Tag eine Postkarte schreibt. Es stimmt schon, bei solchen Geschichten kann viel schief gehen, tut es hier aber nicht, zu keinem Zeitpunkt. Weil sich Uhlmann als genauer Beobachter erweist, dem die Volten und Einfälle nie ausgehen, vor allem aber, weil er tatsächlich den Mut zur Beschreibung von „letzten Dingen“ aufbringt. Und er kann das! Es sei nochmal ausdrücklich gesagt: Uhlmann kann schreiben, es gelingen ihm Dialoge, die diesen Namen verdienen, und er besteht sogar in der „literarischen Königsklasse“, der peinlichkeitsfreien Sexszene.
Wer weiterhin dem Vorurteil anhängen möchte, dass Schuster bitte bei ihren Leisten und Musiker gefälligst bei der Musik bleiben sollen, dem sei verraten, dass dieses Thema – die eigentliche Profession des Autors – genau einen Satz lang verhandelt wird; in einem Bild allerdings, das immer schiefer und schöner wird, je länger man es betrachtet: „Musik ist das Telefon Gottes, mit dem er uns anruft, um zu sagen, dass er an uns denkt.“
Auf der Rückseite des Buches findet sich übrigens noch dies – mehr Fazit, denn Bewerbung: „Man liest, lacht, zerfließt vor Melancholie und freut sich, dass man dabei ist, bei dieser großartigen Sache namens Leben.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Mein absolutes Lieblingsbuch 2016.
(Dieser Text, sowie die beiden folgenden, erschien unter dem Titel "Letzte Dinge, abseitige Comedy, Las Vegas" am 8.7. 2016 in der Badischen Zeitung.)

einzlkind, Billy (Insel): Bei meinem zweiten absoluten Lieblingsbuch 2016 wusste ich schon vor der Lektüre, dass ich Spaß und Freude haben würde, aber mit einem derartig großartigen Ritt hätte ich nicht gerechnet.
Schon in seinen ersten beiden Romanen hat der Mann bewiesen, dass er der mit Abstand coolste und lustigste Autor deutscher Zunge ist – mit den bekannten Folgen: Huldigungen vom abseitigen Musik-Fanzine bis hin zu Hans Magnus Enzensberger, Bestsellerstatus und wildeste Spekulationen darüber, wer hinter dem Pseudonym „einzlkind“ stecken könnte. Wahr ist, dass das Debut Harold (2010) das erste unverlangt eingesendete Manuskript war, das in der fast 40jährigen Verlagsgeschichte der feinen „Edition Tiamat“ tatsächlich gedruckt wurde und wahr ist weiter, dass der hochverehrte Klaus Bittermann dieses Buch (ebenso wie den Nachfolger Gretchen von 2013) mit Liebe, Chuzpe und Verschwiegenheit zu Erfolg und Ehren führte und nun zu Recht etwas traurig über den Verlagswechsel sein darf. Allerdings ist auch dies die verdammte Wahrheit: Billy übertrifft nicht nur die hohen Erwartungen, sondern sogar seine Vorgänger. Erzählt wird die Geschichte eines schottischen Auftragskillers mit Vorliebe für die Philosophie Nietzsches, der durch die Welt geschickt wird, um Mörder zu ermorden. Wie es sich für einen „hardboiled Krimi“ gehört, lässt er sich von den Opfern vorab deren Lebensgeschichte erzählen und gönnt ihnen einen letzten Musikwunsch. Wie es sich ebenfalls gehört, läuft irgendwann alles aus dem Ruder und Billy wird selbst zum Gejagten. Fulminanter Showdown inklusive. In Las Vegas. Wo sonst.
Diese „pulp fiction“ ist allerdings derart gescheit und umwerfend witzig gebaut, dass man einem der integersten Literaturkritiker dieses Landes, Prof. Erhard Schütz, nur beipflichten kann, wenn er im MAGAZIN konstatiert: „Alles in allem haben wir es mit einem atemberaubend einfallsreichen, sprachlich feinst gelungenen, zugleich abgründig intelligenten Thriller zu tun.“
Ich würde gar weitergehen und behaupten: Gesetzt den Fall, dass Quentin Tarantino je einen Storyliner oder Dialogautor für seine Filme anheuern wollte, er hätte beide schon gefunden; in Personalunion des „geheimnisvollen Bestsellerautors einzlkind“ (Süddeutsche Zeitung), der sich im Gegensatz zu den selbstdarstellenden Pointendrechslern hierzulande angenehmst zurückhält und nichts als seine Texte für sich sprechen lässt. „PENG!“

Miranda July, Der erste fiese Typ (Kiepenheuer & Witsch): Personen, denen dieses Buch gefallen hat, gefällt auch: der Film „Ich und du und alle, die wir kennen“, die Messaging-App „Somebody“ (die Nachrichten nicht elektronisch übermittelt, sondern Menschen in der Nähe sucht, um diese persönlich zu überbringen), desweiteren 20jährige Frauen ohne jede Manieren und mit Schweißfüßen, neurotische Mitvierzigerinnen mit unterdrücktem Kinderwunsch und unerfüllter Liebe zu zwanzig Jahren älteren Arbeitskollegen (die wiederum eine 16-Jährige begehren), sowie außerdem Selbstverteidigungsvideos aus den 80er Jahren, lesbische Coming-Outs, abseitige Comedy, Gewalt unter Frauen, Konzeptkunst und Feminismus. Mit anderen Worten: Nicht alle werden Der erste fiese Typ mögen, für mich ist es allerdings mein drittes absolutes Lieblingsbuch 2016 – und Miranda July seit ihrem Werk Zehn Wahrheiten (das völlig verdient mit dem Frank-O’Connor-Preis, dem höchstdotierten Kurzgeschichtenpreis der Welt, ausgezeichnet wurde) ohnehin eine meine erklärten literarischen Heldinnen. Wer sich und seine Weltsicht mal ordentlich durchschütteln lassen will oder etwas über seltsame Obsessionen, hoffnungslose Liebe, existentielle Einsamkeit, aber auch das ganz große Glück erfahren möchte, der ist bei ihr richtig – in jeder einzelnen Zeile.
Ich kann mich der anbetungswürdigen Lena Dunham nur anschließen: „Noch nie hat mich ein Buch so sehr in meiner Sexualität, meiner Spiritualität, meinem geheimen Selbst berührt wie dieses.“ Wer es lieber lapidar und aus dem Mund eines Mannes hört, der höre auf den Meister aller Klassen, Dave Eggers: „Dieses Buch kann man unmöglich wieder aus der Hand legen.“ Er hat Recht.

Gavin Extence, Das unerhörte Leben des Alex Woods oder warum das Universum keinen Plan hat (Limes Verlag): Vielleicht liegt es daran, dass ich letztes Jahr Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek so hochgelobt habe oder, dass diese abstrusen und tollen Coming-of-age-Romane derzeit fast immer aus England kommen ... Auf jeden Fall hat mir die Buchhändlerin des Vertrauens ein weiteres „Buch dieser Art“ angedeihen lassen und mir beste Lesezeit geschenkt. „Bücher dieser Art“ erkennt man daran, dass sie von den Feuilletons ignoriert werden, dass sie trotzdem monatelang die Bestsellerlisten bevölkern und dass die Klappentext-Anpreisung von Christine Westermann stammt: „Es ist eine wunderschöne, leicht bizarre Geschichte, die da erzählt wird. [...] Ein ungemein unterhaltsamer, philosophischer Roman, voller lebenskluger Sätze. Es geht um Leben und Tod. Aber wie das erzählt wird, ist einfach nur ganz großes Kino.“ Frau Westermann spricht wahr; hinzuzufügen wäre allenfalls, dass der Held diesmal wegen seiner Tarotkartenlegenden Mutter und durch das Gestreift-Werden von einem Meteoriten zum Außenseiter wird, dass ihn seine Reise bis zu einer Sterbehilfeorganisation in der Schweiz führt und dass einmal mehr der Beweis erbracht wird, dass Marihuana, Kurt Vonnegut und aufrichtige Freundschaft sehr gute Zutaten für sehr gute Unterhaltung sind.
Obgleich schon 2014 erschienen: mein viertes absolutes Lieblingsbuch 2016.

Roland Schimmelpfennig, An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts (S. Fischer): Mein fünftes absolutes Lieblingsbuch 2016 ist der erste Roman des Bühnenautors Roland Schimmelpfennig. Der meistgespielte Gegenwartsdramatiker Deutschlands, dessen Stücke weltweit in mehr 40 Ländern mit großem Erfolg gespielt werden, schreibt jetzt also auch Prosa. Warum? Weil er es kann! Vielleicht liegt es an der Arbeit am Theater, dass hier jemand mit traumwandlerischer Sicherheit dem Grundsatz folgt, nie etwas zu benennen, das man ohnehin sieht. Tatsache ist: Ich habe schon lang kein Buch mehr gelesen, in dem wirklich nicht ein einziges Wort zuviel steht. Hier weiß einer, dass Adjektive überbewertet sind, dass Weniger immer Mehr ist und dass eine gute Geschichte in erster Line im Kopf dessen entsteht, der sie liest.
Es ist nicht verwunderlich, dass Schimmelpfennig dem Prinzip der „kurzen Schnitte“ folgt, dass er oft in Dialogen und multiperspektivisch erzählt, aber wie er das tut, ist nahe an der Perfektion. Kühl, genau, aufrichtig. An einem klaren, eiskalten Januarmorgen überquert ein Wolf die polnisch-deutsche Grenze und auf seinem Weg nach Berlin kreuzen sich seine Spuren mit den Wegen verschiedener Menschen, deren Schicksale mehr angerissen als „auserzählt“ werden, doch wer auch immer den Wolf erblickt, sieht in ihm die Einsamkeit des eigenen Daseins.
Der Autor enthält sich auf den 250 Seiten jeder Wertung, er folgt lediglich seinen Figuren auf ihrer sehnsüchtigen Suche nach einem anderen Lebens, alleine allerdings lässt er sie nie. Vergangenheit und Zukunft sind in dieser Geschichte schon lange abhanden gekommen, sie ist ausschließlich der Gegenwart verpflichtet und handelt von Kälte, Angst und Verlorensein. Aber vielleicht sind die beschriebenen kleinen Fluchten gerade deswegen so mutmachend – in dieser alles und jeden umfassenden Ausweglosigkeit, die wir Leben nennen? Was für ein schönes, wunderschönes Buch!

Zwischenbemerkung: Wie immer sind die Belobungen meiner Lieblingsbücher länger ausgefallen als die der nun folgenden; was bitte keinesfalls als Wertung verstanden werden soll. Alle weiter – und in gebotener Kürze – vorgestellten Publikationen habe ich mit großer Freude gelesen, sie waren ausnahmslos Balsam für Seele, Herz und Hirn.

Meg Wolitzer, Die Stellung (Dumont): Kinder exzentrischer Eltern haben es immer schwer, aber wenn die Eltern einen – auf dem eigenen, tabulosen Liebesleben basierenden und mit detailreichen Bildern versehenden – Sexratgeber schreiben, und der auch noch zu einem Weltbeseller avanciert, dann wird es richtig bitter. Ein tragikomisches Familienportrait und der Versuch vierer Geschwister, sich in der Welt zu behaupten.

Maggie Shipstead, Dich tanzen zu sehen (dtv): Im amerikanischen Original heißt dieser Roman „Astonish Me“, und exakt das ist gelungen. Ich wurde überrascht, erstaunt und umgehauen von einer Geschichte über Ballett! Ein großartiges Buch über die Liebe, die Leidenschaft und die Lüge eines Lebens, ein Buch wie ein Tanz – aus der Feder der Autorin von Leichte Turbulenzen mit erhöhter Strömungsgeschwindigkeit (2012), das ich auch schon sehr mochte.

Benedict Wells, Vom Ende der Einsamkeit (Diogenes): Würde man voller Begeisterung lediglich die Handlung dieser wundervollen Liebesgeschichte stichpunktartig nacherzählen, man würde zurecht mit „Paulo Coelho im Endstadium“ zwangseingewiesen: Eltern tödlich verunglückt, Kindheit im Internat, große Liebe verloren, große Liebe wiedergefunden, Krebs, noch ein Unfall ... Ja, ich habe geweint beim Lesen. Auch vor Glück.

Silvia Tschui, Jakobs Ross (Nagel & Kimche): Was für ein Debut! Ein Buch von ungeheuerer Wucht und Kraft und ein mutiges dazu: Nicht nur, dass es die Geschichte einer mit unbändigem Willen zum Ausbruch und einer unerhörten musikalischen Begabung gesegneten Magd Mitte des 19. Jahrhunderts erzählt, es ist auch noch in (literarischem) Schweizerdeutsch verfasst. Keine Angst, man versteht das, und der Lohn eines tollen, den magischen Realismus in Ehren haltenden, Romans ist groß.

Joachim Zelter, Der Ministerpräsident, (Klöpfer & Meyer): Wie konnte mir dieses herrliche Kleinod in Buchform 2012 nur entgehen? Der Ministerpräsident von Baden Württemberg hat mitten im Wahlkampf einen Unfall und nun massive Gedächtnislücken. Das Schlimmste: Sein Dialekt ist weg und mit Hochdeutsch wird’s schwierig ... Eine sensationelle, mit großer Leichtigkeit erzählte Satire auf den Politikbetrieb.

Selim Özdogan, Wieso Heimat, ich wohne zur Miete (Haymon Verlag): Bleiben wir in diesem Genre. Dass Selim Özdogan seit nunmehr zwanzig Jahren zu den begnadetsten und produktivsten Romanciers und Geschichtenerzählern in diesem Land gehört, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben. Nun zeigt er, dass er auch in den Olymp der Satiriker gehört. Man lacht und man weint beim Lesen des neuen Romans und erfährt viel über Deutschland und die Türkei, über Erdogan und den Gezi-Park, über Vorurteile, Klischees und religiöse Zuschreibungen. Hier zeigt einer endlich mal, wie das geht, sich abseits des großen „Islamismus“-Schlachtfeldes aufzuhalten und dennoch Haltung zu bewahren. Ein grandios kluges und grandios komisches Buch!

Hannes Ringlstetter, Paris, New York, Alteiselfing. Auf Ochsentour durch die Provinz (dtv): Selbiges, also Haltung, Klugheit und Komik, gilt auch für dieses Buch. Desweiteren: Aufrichtigkeit, Lust und der ungebrochene Wille, sich (frei nach Gandalf Graurock) von nichts und niemandem – und schon gar nicht von der Wahrheit – eine gute Geschichte versauen zu lassen.
Ja, ja, ja, ich bin befangen, weil ich den Mann liebe, aber so und nicht anders möchte ich 25 Jahre Rock’n’Roll in der Provinz und den Komplettwahnsinn eines Lebens auf Tour beschrieben haben.

Volker Surmann, Mami, warum sind hier nur Männer? (Goldmann): Eine frisch verlassene Mutter strandet mit Sohn und Tochter in einem Schwulen-Resort auf Sardinien, und wenn es etwas gibt, was dort nicht geduldet wird, dann sind das Heterosexuelle und Kinder ... Der Kabarettist, Lesebühnenautor und verdienstvolle „Satyr“-Verlger hat nicht nur „sein“ Thema, sondern vor allem auch eine phantastische Stimme gefunden. Politisch, federnd und maximal unterhaltsam.

Andreas Stichmann, Das große Leuchten (Rowohlt): Ich musste erst auf eine Lesung gehen, um endlich diesen restlos gelungenen Debutroman kennenzulernen, der seine Figuren auf abenteuerliche und wundersame Weise aus der deutschen Provinz in den Iran und weiter ans Kaspische Meer führt. Als „Ritter der Erzählung“ hat Katja Lange-Müller Andreas Stichmann bezeichnet und damit noch untertrieben. Herrschaftszeiten, kann der Kerl schreiben! (Ich hätte es wissen müssen, seinen Kurzgeschichtenband Jackie in Silber habe ich vor Jahren wochenlang mit mir herumgetragen, so erschütternd gut war der ...)

Teju Cole, Open City (Suhrkamp): Vom fernen Osten in den weiten Westen und nur damit es schwarz auf weiß hier steht: Wer nach einer Möglichkeit sucht, wochenlang, allein und ohne Ziel durch Manhattan zu streifen, der findet sie in diesem (bereits 2013 publizierten) Roman; gehört für mich zum Besten, das je über das Grundgefühl von New York geschrieben wurde.

Katja Huber, Nach New York! (Secession Verlag): Und noch eine (drei Generationen umfassende) Familiengeschichte aus dem „Big Apple“ – über den Absturz der Hindenburg, über Oskar Maria Graf, Tschechow und Woody Allen, na, über New York eben – Bühne und Sehnsuchtsort in einem.

Dierk Wolters, Die Hundertfünfundzwanzigtausend-Euro-Frage (Weissbooks): Andreas Maier hat über diesen schmalen Band gesagt: „Als hätte ein Martin Walser bei Günther Jauchs Wer wird Millionär mitgemacht, wäre bei einer Literaturfrage rausgeflogen und hätte dann genau dieses Buch schreiben müssen, um sein Scheitern zu ertragen.“ Dieses Zitat gewinnt an Aussagekraft, wenn man weiß, dass dem Frankfurter Journalisten Dierk Wolters nicht nur eine hervorragende Persiphlage auf die Medienwelt gelungen ist, sondern darüber hinaus die brillante Erzählung eines intellektuellen Spießers und Mörders ... Eine „Amour fou“ und eine bedrohliche, große Geschichte.

Zum guten Schluss riskiere ich es, Eulen nach Athen zu tragen und mich in die Gesellschaft von Elke Heidenreich und Jürgen von der Lippe zu begeben, welche dieses, zur unbedingten Lektüre anempfohlene, Schriftgut (anlässlich der Taschenbuchausgabe) in den Himmel hoben. Eine „Wiederentdeckung“, ein „Kultbuch“, so konnte man hören. Ich würde eher sagen: ein wahnsinniges Wunderwerk.

William E. Bowman, Die Besteigung des Rum Doodle (Goldmann): Es mag sein, dass diese Geschichte noch zwerchfellerschütternder ist, wenn man weiß, dass sie bereits 1956 geschrieben wurde, nur drei Jahre nach der Erstbesteigung des Mount Everest, zu einer Zeit also, in der Bergsteigen so etwas wie die „Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln“ war. Wurden in den 1930er und 40er Jahren noch die Alpen propagandistisch ausgeschlachtet, so verlagerte man nach dem Krieg die hochalpinen Aktivitäten in den Himalaya. Als „Schicksalsunternehmungen nationaler Tragweite“ bezeichnet das der Reisejournalist Andreas Lesti in seinem klugen Nachwort und weist darauf hin, dass „jede Nation ihren eigenen Schicksalsberg“ hatte (die Engländer den Mount Everest, die Deutschen den Nanga Parbat, die Italiener den K2 und die Franzosen den Annapurna). Kurzum: In dieser Dekade sind „Expeditionen [...] Feldzüge und Bergsteiger Soldaten – und die Berichte darüber sind humorlos, ernst und unerträglich.“ (A. Lesti)
Und dann kommt dieser englische Ingenieur daher und schreibt in seiner Freizeit ein Buch, das in puncto Witz – bis heute – alles in den Schatten stellt, was nicht bei drei auf dem Gipfel ist. Die Besteigung des Rum Doodle ist die Geschichte einer (fiktiven) Himalaya-Expedition, bei der alles, aber auch wirklich alles schief geht, was schiefgehen kann. Man kann sich beim Lesen nicht dagegen wehren, bei den Expeditionsteilnehmern ständig die Mitglieder von „Monty Pythons Flying Circus“ vor Augen zu haben: den Navigator, der trotz Kompass noch nicht mal zum ersten Treffpunkt findet, den Arzt, der dauernd krank ist, den unter Antriebslosigkeit leidenden Hauptkletterer, den (englischen!) Koch, dessen Qualitäten jeder Beschreibung spotten, und den Übersetzer, der die Sprache der Einheimischen nicht versteht, weswegen er 30.000 statt 3.000 Träger engagiert ... Und am Ende haben haben sie auch noch den falschen Berg bestiegen!Bill Bryson, der wahrscheinlich beste (und mit Sicherheit humorvollste) Reiseschriftsteller der Welt fällte vor fast auf den Tag genau 15 Jahren ein Urteil, das bis zum unwahrscheinlichen Beweis seines Gegenteils Gültigkeit besitzt: Die Besteigung des Rum Doodle ist „das lustigste Buch, das Sie jemals lesen werden.“

 

LITERATUR-TIPPS 2015

Bov Bjerg, Auerhaus (Blumenbar): Warum es sieben Jahre gedauert hat, bis der Berliner Autor Bov Bjerg nach seinem grandiosen Erstling „Deadline“ endlich einen neuen Roman veröffentlicht hat, ist völlig egal. Weil er jetzt da ist. Und weil er die Erwartungen, die in erster Linie andere geweckt haben, noch übertrifft.
Es waren namhafte Schriftstellerkolleginnen und -kollegen wie Terézia Mora, Clemens Meyer, Christoph Hein oder David Wagner, die Bjergs Buch vorab in den höchsten Tönen lobten und der kleine, aber sehr feine „Blumenbar“-Verlag, der alles daran tat, dass diese Stimmen auch gehört wurden. Nach der Lektüre kommt man nun nicht umhin, ihnen zu danken und zu hoffen, dass sich die Mühe gelohnt haben möge.
„Auerhaus“ gehört nicht zu den raren Büchern, die man – nachdem man es gelesen hat – sofort ein zweites Mal lesen will, sondern zu denen, die man dann tatsächlich auch ein zweites Mal liest; weil man die Geschichte noch nicht hergeben, sie noch ein wenig für sich allein haben möchte ... Dann aber kann man nicht anders: Man geht in die Buchhandlung kauft gleich fünf Exemplare dieses unerhörten und anrührenden Romans und schenkt sie seinen Liebsten. Wickelt sie in Geschenkpapier und schickt sie den Jugendfreunden, der ersten großen Liebe, sogar den Eltern ... Bestellt noch ein paar Exemplare, weil fünf nicht reichen, weil da noch mehr sind, mit denen man seinerzeit geträumt und gelitten hat, mit denen man auf- und ausgebrochen ist, mit denen man das Staunen, Lachen und Weinen teilen will.
Bjerg erzählt die Geschichte einer Handvoll Idealisten, die sich dagegen wehren, dass ihr Leben in Ordnern mit der Aufschrift „Birth – School – Work – Death“ abgeheftet wird, und die deswegen in eine Schüler-WG auf dem Dorf, ins „Auerhaus“, ziehen. So wie man beim vorgesehenen Leben in Ordnern den wütenden Song der „Godfathers“ durchhört, so gründet sich „Auerhaus“ explizit auf das hymnische „Our House“ von „Madness“, und damit auf den Traum, sein Leben irgendwie anders zu führen als die Masse – und sei es nur aus Notwehr gegen das Vorgefundene.
Ohne allzuviel zu verraten: Es wird viele geben, die – wie David Wagner – urteilen werden: „Wir sollten alle im Auerhaus wohnen.“ Sie haben Recht.
Und es wird ebenfalls viele geben, die „Auerhaus“ mit Wolfgang Herrndorfs „Tschick“ vergleichen werden, wobei sich solche Vergleiche eigentlich verbieten. Aber ganz falsch liegen sie in diesem Fall nicht. Wegen des Sounds, der Aufrichtigkeit, der Dringlichkeit ... und auch der Traurigkeit. Denn in „Auerhaus“ klingt auch das „Aua“-Haus an, in dem eben nicht nur Mut, Rebellion und Sehnsucht beheimatet sind, sondern auch der Schmerz. Einer der sechs jungen Menschen, Frieder, ist seines Lebens so müde, dass aus dem Ringen um Glück ein Kampf um Leben und Tod wird.
Bov Bjerg schenkt uns mit seinem Roman eine wunderbare Geschichte von existenzieller Einsamkeit und wahrhaftiger Gemeinschaft und erzählt, wie es ist, wenn man den Unterschied kennt.
„Frieder hatte am Heiligen Abend den großen Weihnachtsbaum auf dem Dorfplatz gefällt. [...] Das war nicht der Anfang der Geschichte, und das war nicht das Ende. [...] Aber das war das, was jeder von Frieder wissen sollte.“
Ja! Jeder und jede sollten das wissen!
Mein absolutes Lieblingsbuch 2015.
(Dieser Text erschien am 17.7. 2015 unter dem Titel "Sich nicht in Ordnern abheften lassen" in der Badischen Zeitung. Please further join: auerhaus.de)

Isabella Straub, Das Fest des Windrads (Blumenbar): Auch mein zweites absolutes Lieblingsbuch kommt aus der seit 2012 unter dem Dach des „Aufbau“-Verlages wohnenden „Blumenbar“ und ist ebenfalls eine Suche nach dem richtigen Leben am vermeintlich falschen Ort. Die Wiener Managerin Greta bleibt mit ihrem Zug in einem Provinznest liegen, genaugenommen in „Oed am Tiefen Graben“. Dort trifft sie nicht nur auf den Taxifahrer Jurek und andere absonderliche Gestalten, sondern ist plötzlich und mit voller Wucht mit dem Menschen konfrontiert, dem sie aus gutem Grund ihr ganzes Leben aus dem Weg gegangen ist: sich selbst.
Bis in den letzten Nebenstrang der Handlung hinein wimmelt es in „Das Fest des Windrads“ von Skurilitäten und Lakonie: „Vor zwei Monaten ist sie gegangen“, erzählt da beispielsweise einer. „Nach vierzehn Jahren. Zettel auf dem Tisch. Das war’s, du Arsch. Hat sie tatsächlich geschrieben. Und dann stand da noch: Alle Orgasmen waren vorgetäuscht, alle. Vierzehn Jahre lang! Können Sie sich das vorstellen?“
Kann man, will man sogar. Doch bei aller notwendigen Abscheu verrät Isabella Straub keine einzige ihrer Figuren. Im Gegenteil: Sie erschreibt sich ein Paradies der Gestrauchelten und Gestrandeten und komponiert eine Geschichte, die nicht nur einen amtlichen Showdown aufweist, sondern auch und vor allem eine, die es vom ersten bis zum letzten Satz wert ist, gelesen zu werden.
(Vielleicht liegt es an Straubs sensationellem Stil, der an die frühe Sibylle Berg erinnert oder an Kirsten Fuchs’ „Die Titanic und Herr Berg“, dass ich auch gleich ihren Vorgängerroman Südbalkon (Blumenbar) gelesen und dermaßen gemocht habe, dass ich ihn gleich mitempfehle. Hier zwei Zitate daraus als Appetizer: „Die Wohnung kommt mir heute kleiner und beengter vor als sonst. Wie ein Etui, das für die Aufbewahrung von Menschen nicht geeignet ist.“ Und: „Er berührte meine Brüste immer so, als würde er sie siezen.“)

Kirsten Fuchs, Mädchenmeute (Rowohlt 2015): Da ihr Name schon gefallen ist ... Kirsten Fuchs’ funkelnagelneuer 460-Seiten-Schmöker ist mein drittes absolutes Lieblingsbuch 2015. Weil ich befangen bin, da ich die Autorin seit Jahr und Tag kenne und liebe, trifft es sich gut, dass ich das in den Himmel-Heben von „Mädchenmeute“ dem Feuilletonchef der ZEIT, Jens Jessen, überlasssen kann: Fuchs habe, so schreibt er, „ein Amalgan aus Naivität, Jugendslang und tieferer Bedeutung gefunden“, das „an die angelsächsische Tradition des hochliterarischen Abenteuerromans“ heranreiche. Was er damit meint: Das Buch hat das Zeug zum Klassiker! Man liest die großen Robinsonaden allesamt mit und kann nicht aufhören, sich zu darüber zu freuen, dass Crusoes Insel heute ein Stollen im Erzgebirge ist, dass der „Herr der Fliegen“ ein anderes Ende nehmen kann und dass es endlich weibliche Huckleberry Finns und Tom Sawyers gibt. Das Allerbeste aber: „Mädchenmeute“ spielt derart im Hier und Jetzt und ist so phantastisch recherchiert, dass man das Buch als Blaupause für fast alle Abenteuergeschichten aus deutscher Feder nehmen möchte: Lesen! So geht das!
Acht Mädchen flüchten aus einem Sommercamp, klauen ein Hundefängerauto samt Hunden und schlagen sich wochenlang alleine in den Wäldern durch. Und alles stimmt! Wie die Mädchen containern und dumpstern, wie sie ihren Zusammenhalt organisieren, wie sie das Abenteuer ihres Lebens bestehen ... Ja, „Mädchenmeute“ ist ein Abenteuerbuch, wenn nicht sogar das Abenteuerbuch der Gegenwart, weil es das große Thema „Freiheit“ wirklich ernst nimmt: als die Möglichkeit, zwischen allen Möglichkeiten frei wählen zu können. Zumindest einen Sommer lang.
(Anzumerken bleibt, dass das Buch auch einen veritablen DDR-Krimi-Plot aufweist und dass auch die erste Liebe verhandelt wird. Doch ist der Roman weder Mädchen- noch Jugendbuch – er stellt „nur“ die großen Fragen des Lebens. Und die erkennt man am klarsten, wenn man jung ist.)
„Mädchenmeute“ ist eine spannende, reife und einzigartige Geschichte, geschrieben in einem Sound, der süchtig macht. Wie urteilte der SPIEGEL treffend über Kirsten Fuchs’ Stil? „Diese Sprache produziert eine Energie und Lebendigkeit, die in der deutschen Gegenwartsliteratur ihresgleichen sucht.“
(Dieser Text erschien am 25.9. 2015 in einer längeren Version und unter dem Titel "Erwachsen werden in den Wäldern" in der Badischen Zeitung.)

David Whitehouse, Die Reise mit der gestohlenen Bibliothek (Tropen): Kommen wir von der besten deutschen „adventure novel“ zu jener aus England. „Haarsträubend clevere Beschreibungen und geniale Pointen“ bescheinigte die NEW YORK TIMES dem neuen Roman von David Whitehouse und untertreibt damit. Wer so „altmodische“ Dinge wie Bücher mag oder Freundschaft, Roadmovies und Handlungsvolten, wie sie seinerzeit Paul Newman und Robert Redford im Film „Der Clou“ ausheckten, der wird dieses Buch lieben. Wer eher auf Verfolgungsjagden und Autos, die brennend von einer Klippe stürzen, steht: der auch!
Erzählt wird wird die tragikomische Irrfahrt mit einem gestohlenen Bücherbus quer durch England. Am Steuer sitzen abwechselnd ein einsamer Junge, seine Nachbarin, deren „zurückgebliebene“ Tochter sowie ein aufgegabelter Outlaw. Im Gepäck haben sie nur das Nötigste: ihre Freundschaft und eine Menge guter Bücher.
Schon lange habe ich von keiner Reise mehr gelesen, bei der ich so unbedingt habe dabei sein wollen. Und schon lange habe ich mich nicht mehr so vor dem Ende einer Geschichte gefürchtet und bin so überrascht worden! Mein viertes absolutes Lieblingsbuch 2015.

Ralf Schlatter, Sagte Liesegang (Limbus Verlag): Mein fünftes absolutes Lieblingsbuch 2015 ist zwar schon vor zwei Jahren erschienen, aber nur weil ich es jetzt erst las, ändert das nichts daran, wie restlos mich diese leise und wundervolle Geschichte für sich eingenommen und wie berührt und selig sie mich nach der Lektüre wieder in die Wirklichkeit entlassen hat. Ihr Ausgangpunkt ist, dass Alfons Liesegang, 62jähriger Seismologe und soeben verstorben, einem Engel sein Leben erzählen soll. Das Entscheidende daran: So lange er erzählt, so lange darf er nachher noch einmal zurück auf die Erde.
Ein solch märchenhafter Dreh in einer gegenwärtigen Welt kann leicht schief gehen, aber Ralf Schlatter macht alles richtig. Und mehr als das: Er nimmt Scheherazade ernst und läßt seinen Helden im Wortsinne um sein Leben reden. Wie er das tut, verdient es, sensationell genannt zu werden. Denn schnell geht es nicht mehr um den Preis des Erzählens, sondern um das Erzählen selbst. In einem einzigen Monolog, getragen von Poesie und aufrichtiger Reflexion, sagt Liesegang das, was zählt, spricht er von allem, was wirklich wichtig war: vom Bruder, der tot zur Welt kam, von der Mutter, die eines Tages verschwindet, vom Über-Vater, der schweigend im Keller Steine zerschlägt, und von seiner großen Liebe, seiner „Strahlerin“. Aber auch – und immer wieder – von den Bergen, vom eigenen Scheitern, von der eigenen Mittelmäßigkeit.
In seiner klaren Bildsprache und seiner „Poetik der Einfachheit“ erinnert Schlatters Buch an Robert Seethalers phänomenales „Ein ganzes Leben“ und man bedauert es sehr, dass Schlatter mit seiner Erzählung eines „stillen Lebens“ wohl zwei Jahre zu früh dran (bzw. nicht bei einem der großen Verlage) war.
Dem „kleinen“ Innsbrucker Haus „Limbus“ aber ist zu danken. Nicht nur für die Publikation dieses warmherzigen und ganz und gar großartigen Romans, sondern auch, weil es Schlatters tolle Erzählung Maliaño stelle ich mir auf einem Hügel vor von 2003 neu überarbeitet und schön gestaltet wiederaufgelegt hat.

Zwischenbemerkung: Aufgrund von Gründen sind mir die Huldigungen meiner Lieblingsbücher in diesem Jahr etwas länger und ausführlicher geraten als in den letzten. Was nicht heißt, dass alle nun folgenden Bücher (nur weil sie vergleichsweise knapp vorgestellt werden) dagegen abfallen. Mitnichten, mein „Lesejahr 2014/15“ war ein reiches! Und alle weiter aufgeführten Bücher, ich verspreche es, machen samt und sonders glücklich und schön!

Thomas Meyer, Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse (Diogenes): Was für eine Geschichte: Vor drei Jahren bei „Salis“ erschienen, das Taschenbuch jetzt bei „Diogenes“ und bald auf der Leinwand als Kinofilm! Ein Entwicklungsroman im Stile Woody Allens – sehr lustig, sehr schräg, sehr herrlich. Und was wirklich grandios ist: Das Buch ist in Teilen auf Jiddisch geschrieben und man versteht doch jedes Wort! Es ist aber auch wordn zajt für diese wunderschejne Gschicht!

Franz Dobler, Ein Bulle im Zug (Tropen): So langsam kristallisiert sich beim anbetungswürdigen Franz Dobler ein roter Faden heraus, der sich durch seine jüngsten Bücher zieht: Männer, die am Rand des Zusammenbruchs mit einer geladenen Knarre in der Tasche ziellos durchs Land streifen. Diesmal mit dem Zug – auf der Reise nach nirgendwo und der Suche nach sich selbst. Ein amtlicher Thriller und ein echter Dobler: Spannend, humorvoll und angenehm unangestrengt.

Marion Brasch, Wunderlich fährt nach Norden (S. Fischer): „Wunderlich war der unglücklichste Mensch, den er kannte. Er kannte zwar nicht viele Menschen, doch was spielt das für eine Rolle, wenn das Unglück größer ist als man selbst.“ So beginnt Marion Braschs neuer Roman, und so geht er weiter: „Wobei das eigentlich nicht stimmte, denn Wunderlichs Unglück war etwa einen Kopf kleiner als er und hieß Marie.“ Eine eigensinnige und märchenhaft komische Liebeserklärung an die Melancholie ist dieses Buch und: eine Hymne auf die sonderbaren Momente des Lebens.

Madeleine Prahs, Nachbarn (dtv): Mit ihrem Erstling ist Madeleine Prahs ein echter Wurf gelungen, „ein berührendes Stück deutscher Gegenwartsliteratur“ (Peter Henning). Vielstimmig und einfühlsam begleitet die Autorin sechs Menschen auf ihren Wegen durch das Deutschland von 1989 bis 2006 und erzählt von Freundschaft, Liebe und Verrat. Dass diese Geschichte zu keinem Zeitpunkt schwer wird, sondern immer schwebend, fast leichtfüßig (und dabei doch immer genau) bleibt, kann gar nicht laut genug kundgetan werden.
„Das Schlimmste, was ihm noch passieren konnte, dachte er, war nicht der Tod. Sondern eine Weihnachtsfeier im Pflegeheim.“ So ist es!

Franziska Wilhelm, Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen (Klett-Cotta): Fantastischer Titel, fantastisches Debüt, willkommen am Ende der Welt! Wer nicht wusste, wo oder was das genau ist, weiß es jetzt: Die Sportplatzkneipe in Strottenheim, die vor allem dafür bekannt ist ist, dass sich Selbstmörder dort ihr letztes Bier zapfen lassen. Millas Großmutter ist zu dominant und ihre schöne Mutter tut nichts anderes, als für jeden, der wegen ihres Lächelns nicht auf dem Gleis endet, eine Kerbe in den Tresen zu schnitzen. Bleibt für Milla nur die Flucht. Mit einem lebensmüden Paketfahrer in Richtung Osten ...

Phil Hogan, Die seltsame Berufung des Mr Heming (Kein & Aber): Die Geschichte eines Immobilienmaklers, der mit einem Zweitschlüssel in Abwesenheit der Bewohner obsessiv durch deren Häuser und Leben schleicht, der dort isst, trinkt und auch mal etwas repariert ... Gruselig? Ja. Humor? Rabenschwarz. Ich meine, dass ein Ich-Erzähler mordet und damit durchkommt, hat man ja auch nicht allzu oft. Very spooky, very weird, very british.

Michael Schulte, Kühe im Mondschein (Maro Verlag): Man könnte jetzt zum x-ten Mal den Skandal um Schultes Ambrose-Bierce-Biographie von 1998 aufwärmen, die in weiten Passagen ein Plagiat war ... Und man könnte zum y-ten Mal dagegenhalten, dass Schulte den Verleger rechtzeitig auf seine Quelle aufmerksam gemacht und eine Kenntlichmachung mittels Fußnoten vorgeschlagen hatte, was der Verleger aber ablehnte ... Geschenkt. Im offiziellen Literaturbetrieb wurde es leise um Michael Schulte, aber richtig laut war es ja nie gewesen. Was ein großer Fehler war und bleibt! Denn Schulte, der Mann, der „Max Puntila“ und „Mike McSorley“ war, ist der vielleicht beste Anekdoten-Erzähler, den die deutsche Sprache überhaupt aufbieten kann, mit Sicherheit aber der schonungsloseste und lustigste.
Wer den gerade erschienenen Sammelband „Kühe im Mondschein“ liest, kommt aus dem Lachen und Staunen nicht mehr heraus. Was für ein zärtliches Großmaul, was für ein begnadeter Streuner!
Ein Hoch auf den Augsburger „Maro Verlag“, dem ein echtes und würdiges Best-of-Schulte gelungen ist, mit Klassikern wie „Bukowski ist schuld, daß ich in Hamburg lebe“ oder der „Führerscheinprüfung in New Mexico“, vor allem aber durch den Abdruck der gesammelten „Bisbee“-Stories, der umwerfenden Geschichten aus jenem legendären Kaff in Arizona, das in den 80ern zum Eldorado für Tagediebe, Verlierer und kauzige Gestalten wurde und in dem Schulte eine Kaffeehausgalerie betrieb und die Anekdoten seiner Gäste notierte. Von Seite 73 bis Seite 179 in „Kühe im Mondschein“ kann man sich anschauen, wie ein literarisches Denkmal für Menschen aussieht, die in einer schlechteren Welt niemals eines bekommen hätten. Und auf Seite 133 beginnt sie dann: Die definitiv komischste Kurzgeschichte aller Zeiten ... Schluss! Selbst kaufen, selbst lesen, selbst freuen!
Michael Schulte dürfte das alles ohnehin herzlich egal sein, er lebt – 74jährig – irgendwo in Schleswig-Holstein und malt angeblich nur noch. Was nicht stimmt: Er verfasst bis auf den heutigen Tag zauberhafte Radio-Essays für den MDR; über Valentin, Kraus, Beckett, Hemingway, Gogol, Laurel ... Ein Name fehlt in dieser Reihe. Sein eigener. Der von Michael Schulte, jenem meisterhaften, genialen und „originären Wirrkopf im Heer der Glattfrisierten“ (Stuttgarter Nachrichten)!

Meine selbst auferlegte Beschränkung für die Literatur-Tipps liegt bei maximal fünf DinA 4-Seiten, also bleiben nur noch ein paar Zeilen für die unbedingte Empfehlung von folgenden Büchern:

Robert Seethaler, Ein ganzes Leben (Hanser Berlin): Siehe oben. Unbedingt lesen! „Diese unerklärliche Leichtigkeit des Schreibens ist so wohltuend.“ (FAZ)

Fabio Genovesi, Fische füttern (Bastei Lübbe): Ein unvergesslicher Kindheitssommer und eine der originellsten neuen Erzählstimmen Italiens.

Joanna Kavenna, Cassandras Zorn (dtv): Die Ferienhäuser der Reichen werden von den Armen besetzt ... „Thelma und Louise“ auf dem Lande. Oder anders formuliert: Robin Hood ist eine Frau und hat endlich Humor!

Wilhelm Genazino, Bei Regen im Saal (Hanser): Wunderbar. Wie jedes Buch dieses umwerfend klugen Flaneurs aus Frankfurt. Eine hochliterarische Wohltat gegen jede Form von Erlebnisdruck.

Kai Weyand, Applaus für Bronikowski (Wallstein Verlag): Ein so berührender wie witziger Bestatter-Roman mit dem kürzesten und treffendsten Klappentext der Saison: „Bei Kai Weyand geht es um Leben und Tod. Sehr komisch.“

Sibylle Berg, Der Tag, als meine Frau einen Mann fand (Hanser): Frau Berg goes porn. Und kann auch das!

Wiglaf Droste, Der Ohrfeige nach (Edtition Tiamat): Wiglaf Droste? Eh! Immer!

 

LITERATUR-TIPPS 2013/14

Nickolas Butler, Shotgun Lovesongs (Klett-Cotta): Drei Hochzeiten, zwei Scheidungen, ein Beinschuss und Lieder von der Liebe ... Manchmal ist es schon erstaunlich, dass ein Buch auf der halben Welt einschlägt wie ein Wunder (mit fantastischen Kritiken, verkauften Filmrechten und herzerweichenden Liebeserklärungen der Leserschaft) und es in Deutschland noch nicht einmal auf eine der Bestsellerlisten schafft. Dabei ist Nickolas Butlers Debutroman aus dem „Heart of Wisconsin“ derart gut und wunderschön, dass einem der Atem stockt. Schamlos zärtlich wird die Geschichte von fünf Freunden erzählt, die einen bei der Seele packt und nicht mehr losläßt. Ein Manifest der Liebe, Freundschaft und Musik – und zugleich eine „Americana“, wie es sie schon lange nicht gegeben hat. Eine kanadische Kritik schwang sich sogar dazu auf, zu behaupten, dass „Shotgun Lovesongs“ die Art Buch sei, „die unseren Glauben an die Menschheit wiederherstellen kann.“ Man ist geneigt, dem beizupflichten. „Shotgun Frontseat!“, brüllen Kinder, wenn es darum geht, wer auf dem Beifahrersitz fahren darf, aber hier lebt der Glaube, dass es eben nicht der ist, der am lautesten schreit oder am schnellesten zieht, sondern, derjenige, mit dem man sein Leben – ohne wenn und aber – teilen will! Ich habe mir schon ewig nicht mehr so schöne Musik eingebildet und ein so wundervolles Kopfkino genossen wie beim Lesen dieses Romans. Mein absolutes Lieblingsbuch 2013/14. (Anzumerken ist, dass Klett-Cotta-Tropen in den letzten Jahren fast alles richtig macht und reihenweise gute Titel im Programm hat; „Shotgun Lovesongs“ haben sie sogar eine eigene Homepage spendiert: shotgun-lovesongs.de)

Lena Gorelik, Die Listensammlerin (Rowohlt Berlin): Diese anrührende, komische und extrem originelle Familiengeschichte ist mein zweites absolutes Lieblingsbuch 2013/14. Das Einzige, das halbwegs Ordnung in das Leben der Heldin Sofia zu bringen vermag, ist das manische Anlegen von Listen: Listen der peinlichsten Kosenamen, der witzigsten Neurosen, der seltsamsten religiösen Rituale, der nettesten Ärzte, der typischen Großmuttersätze usw. Nur so lässt sich der familiäre und alltägliche Wahnsinn (Tochter todkrank, Mutter schwierig, Oma dement und Welt aus den Fugen) ertragen. Hier geht jemand aufs Ganze und vergisst auch den kläglichen Rest nicht. Ein ganz und gar warmherziger und (im Wortsinne!) merkwürdiger Roman über Leben und Tod, Krieg und Frieden, Liebe und Liebenlassen und alles, was dazwischen liegt.

Marjana Gaponenko, Wer ist Martha? (Suhrkamp): Vielleicht liegt es an dem unvermeidlichen Hundertjährigen, der vor drei Jahren aus dem Fenster stieg, um einfach nicht mehr zu verschwinden, dass seither nicht nur eine Flut von Viel-Wort-Titeln, sondern vor allem von Büchern über das Alter publiziert werden ... Marjana Gaponenkos ist nicht nur das schönste darunter, sondern ein echter Glücksfall. Ihr 96jähriger Held Luka Lewadski, ukrainischer Ornithologe und Autor der bahnbrechenden Untersuchung „Über die Rechenschwäche der Rabenvögel“, hat nicht mehr viel Zeit im Leben – und die nutzt er, dass es eine Art hat. Er macht eine letzte Reise, findet einen Gleichgesinnten dann wird von der Revolution geträumt, das Dasein gefeiert, und – ja – auch dem Tod Willkommen gesagt. Alles auf wundersamem und sprachlich höchstem Niveau, komisch, tragisch, kühn und traumwandlerisch neu. Statler und Waldorf aus der Muppet Show leben und verhandeln die letzten Dinge absolut lesenswert. Was für ein Wurf und mein drittes Lieblingsbuch 2013/14!

Michael Stauffer, Ansichten eines alten Kamels (Voland & Quist): Gleiches gilt für den neuen Roman von Michael Stauffer, der es tatsächlich mit jedem seiner Werke schafft, sich in meine perönliche Hitliste der Lieblingsbücher zu schreiben. Auch hier geht es um nicht weniger als das Leben und auch hier ist der Schauplatz ein Altersheim. Sehr lustig, sehr schräg, also – wie alles von Dichterstauffer: Lesen! (dichterstauffer.ch)

[Und interessant ist es ja schon, dass bereits mein „Lieblingsbuch 2010“ („Spaziergänger Zbinden“ von Christoph Simon) in einem Betagtenheim spielte und eines meiner drei „Lieblingsbücher aller Zeiten“ („Les jours heureux“ von Laurent Graff) ebenfalls ... Wahrscheinlich das Alter!]

Sabine Peters, Narrengarten (Wallstein): Mein abschließendes und fünftes Lieblingsbuch aus den Jahren 2013/14. Auch bezüglich des neuen Oeuvre der vielfach preisgekrönten Hamburger Autorin Sabine Peters lässt sich ein zu begrüßender Trend ausmachen: Die verstärkte Wiederkehr des vielstimmingen Erzählens, wenn nicht gar des immerguten und von mir geliebten „Short Cuts“-Stadtromans. Und da meine jährlichen Lektüre-Tipps letztlich ja eine Service-Kolumne sind, sage ich es unumwunden: Die weiter unten kurz, aber herzlich anempfohlenen Bücher von Alain Claude Sulzer, Margaritha Kinstner und Helmut Krausser folgen ebenfalls dem „Short Cuts“-Modell und werden wohl den meisten besser gefallen, weil sie süffiger, filmischer, komischer, handlungsreicher und verschränkter erzählt sind ... Trotzdem habe ich mich für den grandiosen Hamburg-Roman „Narrengarten“ als Lieblingbuch entschieden. Erstens, weil hier tatsächlich aus keiner Sicht der vielen Figuren zweimal erzählt wird und doch ein großartiger, zusammenhängender Kosmos entsteht (das muss man erstmal schaffen!). Zweitens, weil hier die wunderbare, von Raymond Carver begründete, Form des verknappten Erzählens zur Meisterschaft gelangt. Und drittens (und wichtigstens): Die Geschichte spielt überwiegend an den Rändern der Gesellschaft. Nach so einer genauen, wahrhaftigen, formvollendeten und warmen Beschreibung, nein: Erzählung!, von prekären Verhältnissen habe ich lange gesucht; denn, wenn hier einmal das „kleine Glück“ aufschimmert, ist es „ganz großes Kino“. Und davon ab ziert „Narrengarten“ darüberhinaus der kürzeste und treffendste Klappentext der Saison: „Schräge Vögel und brave Bürger bevölkern dieses Buch, in dem Großstadt und familiäres Zusammenleben, Jung und Alt, Leben in der Mitte der Gessellschaft und am Rande der Armut erzählerisch zusammenfinden.“ So ist es. Chapeau!

Max Scharnigg, Vorläufige Chronik des Himmels über Pildau (Hoffmann und Campe): Ganz anders als sein Erstling „Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe“ und doch wieder ein hervorragendes Buch aus der Feder von Max Scharnigg. Eine herrlich barocke und außergewöhnlich erzählte Geschichte über drei Generationen auf einem Einsiedlerhof im Ödland, die sehr viel Freude macht.

Klaus Bittermann, Alles schick in Kreuzberg (Edition Tiamat): Man darf das ruhig so sagen: Klaus Bittermann, dieser Miniaturen-Meister aus Berlin und Flaneur vor dem Herrn, ist der beste Kiez-Chronist, den wir haben! Unter folgendem Link habe ich sein Vorgänger-Werk „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“ in den Himmel gelobt, diese Huldigung gilt, ohne Abstriche, auch für „Alles schick in Kreuzberg“.

Thomas Glavinic, Das größere Wunder (Hanser): Auch „der neue Glavinic“ ist ein ein Meisterwerk und schoss von Null auf Eins in der österreichischen Bestsellerliste. Wieder heißt sein Held „Jonas“ und wieder geht es um nicht weniger als um alles! Nach den Themen „Tod“, „Ruhm“ und „Leben“ ist „Das größere Wunder“ Glavinc’ Opus magnus über die Liebe. Und was für eines – Herrschaftszeiten, kann der Kerl schreiben ... literarisch anspruchsvoller ist der Mount Everest nie bestiegen worden! Und nicht nur weil das ohnehin auch alle Rezensionen so sehen, sondern, weil es wahr ist, darf man getrost urteilen: „Das größere Wunder“ sind 530 Seiten Weltliteratur. (Und wer sich für sein Schreiben als solches interessiert, dem sei das erst kürzlich bei „Edition Akzente“ erschienene Büchlein: Thomas Glavinic, Meine Schreibmaschine und ich nahegelegt. Derzeit sitzt Thomas als „Artist in Residence“ am Goldegger See und arbeitet an einem neuen Roman. Und solange er schreibt, ist alles gut! Keep on goin’, my dear friend!)

David Schalko, Knoi (Jung und Jung): David Schalko kennt man wahrscheinlich eher als Mastermind der Wiener Filmszene (er hat nicht nur mit Hader, Dorfer und vielen anderen gearbeitet, fantastische Fernsehspiele geschrieben, sondern auch (s.o.) Thomas Glavinic’ Roman „Wie man leben soll“ fürs Kino verfilmt). Literatur-Affine aber wissen: Der Mann schreibt auch Bücher – und zwar ausnehmend gute. Nach „Frühstück in Helsinki“, „Wir lassen uns gehen“ und vor allem „Weiße Nacht“, dem wahrscheinlich besten Buch über das Innenleben des „Haider“-Österreiches, hat er jetzt den Roman geschrieben, den er immer schon mal hat schreiben wollen; und der ist nichts für schwache Nerven: Auto- und Sexunfälle, ein verhaltensgestörtes Kind, ein Mann, der nur mit Frauen schlafen kann, wenn diese betäubt sind, eine Frau im Rollstuhl, der blanke Horror zweier Paarbeziehungen, die komplette Zerstörung von Würde, die Liebe als Nahkampfdisziplin. Nein, hier ist die Welt nicht in Ordung und ja, hier tun sich Menschen etwas an. Schalko macht es weder sich noch der Leserschaft einfach, manchmal wechselt die Erzählperspektive sogar mitten im Satz ... aber: Es gelingt. „Knoi“ ist ein brillant geschriebenes, hartes Buch, ein Thriller, ein Fanal. Wow!

Margarita Kinstner, Mittelstadtrauschen (Deuticke): Und nochmal Wien. Ein sehr bemerkenswerter Erstling, polyphon, märchenhaft, komisch und spannungsgeladen. Ein wunderbar zu lesender Roman und zugleich eine vielschichtige Hommage an die „Stadt der Seele“.

Alain Claude Sulzer, Aus den Fugen (Galiani): Ein Starpianist bricht mitten in der Interpretation der Hammerklaviersonate sein Konzert ab und verlässt den Saal. Die folgende Stille ist ein Paukenschlag; für ein Dutzend weitere Hauptfiguren ist mit einem Mal nichts ist mehr, wie es noch vor Kurzem war ... Ein Reigen von Handlungssträngen setzt sich in Gang, der perfekt komponiert ist und ein schlicht „grandios“ zu nennendes Roman-Kaleidoskop ergibt. „Short Cuts“ at its best.

Helmut Krausser, Einsamkeit und Sex und Mitleid (Dumont): Auch dieser Roman des Berliner Bestseller-Autors folgt den „kurzen Schnitten“ und spielt auf der Klaviatur des scheinbaren Zufalls im Großstadtdschungel. „Das witzigste deutsche Buch des Jahres“, wie Daniel Kehlmann vollmundig auf dem Cover verspricht, ist „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ nicht, aber den zahlreichen Besserwissern, die den Autor von „Fette Welt“ oder „Der große Bagarozy“ aus verschieden Gründen abgeschrieben haben, sei ins Stammbuch gehustet: Krausser ist – nach wie vor – verdammt gut, und sein Roman, wie die FAZ bemerkt (und das trifft’s), „ein Sittenbild verwahrloster Gemüter, unterhaltsam und voller Hardcore-Komik.“

Im folgenden, die drei – definitiv und tatsächlich – „witzigsten Bücher des Jahres“:
einzlkind, Gretchen (Edition Tiamat)
Erlend Loe, Jens. Ein Mann will nach unten (Kiwi)
Matto Kämpf, Kanton Afrika. Eine Erbauungsschrift (Der gesunde Menschenversand)

Und wenn wir schon bei Auflistungen sind, hier noch weitere Bücher, die mich 2013/14 bestens, um nicht zu sagen allerbestens unterhalten haben:
Jasmin Ramadan, Kapitalismus und Hautkrankheiten (Tropen)
Mark Haddon, Das rote Haus (Blessing)
Deborah Levy, Heimschwimmen (Wagenbach)
Maggie Shipstead, Leichte Turbulenzen bei erhöhter Strömungsgeschwindigkeit (dtv)
Jochen Schmidt, Schneckenmühle (Beck)

Kristian Bang Foss, Der Tod fährt Audi (carl’s books)

Sibylle Berg, Vielen Dank für das Leben (Hanser): Kommen wir zur Abteilung „Menschenverachtung“, in die das Feuilleton Sibylle Berg nur zu gern einsortiert. Auch ich gebe gerne zu, dass ich die Lektüre ihres letzten Romans immer wieder vor mir hergeschoben habe, weil ... ach, weiß auch nicht so genau, Angst wahrscheinlich. Umso größer war meine Freude, als ich „Vielen Dank für das Leben“ dann doch las. Toto, die Hauptfigur, ist ein Wunder. Ein Mensch ohne klares Geschlecht (die ersten 200 Seiten ein „er“, die zweiten eine „sie“), zu dick, zu groß, aber ein Mensch, ein grundgütiger und unschuldiger Mensch, der durch die schlechteste aller denkbaren Welten geht. Ja, Toto wird so ziemlich jedes Leid zugefügt, das man sich vorstellen kann, aber an der Reinheit dieser Figur (die von Sibylle Berg mit einer so noch nicht gekannten Zärtlichkeit geschildert wird) zeigt sich einmal mehr die absolute Verkommenheit der Welt oder dessen, was wir aus ihr gemacht haben. Und in der Beschreibung von Letzterem ist die Autorin ohnehin die Meisterin aller Klassen. Zurecht stand dieses Buch auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis und der Tag wird kommen, an dem Sibylle Berg diesen Preis auch erhält.

Matias Faldbakken, The Cocka Hola Company (Blumenbar/Heyne Hardcore): Vielleicht ist es dem Bergschen Sog geschuldet, dass ich nun auch endlich die Lektüre dieses bereits 2004 auf Deutsch erschienen Buches nachgeholt habe. Mit großem Lesevergnügen. „Die große norwegische Menschenverachtungsbibel“, schrieb die FAZ und hat recht. Faldbakken ist keiner jammert, er schlägt zurück; ein skandinavischer Michel Houellebeq, erweitert um alle Spielarten der Libertinage. Sagen wir, wie es ist: „The Cocka Hola Company“ handelt nicht nur von Porno, der Roman ist Porno! Oder wie die Zeitschrift Style urteilte: „Eine großartige Sauerei von einem Buch.“

Dimitri Verhulst, Der Bibliothekar, der lieber dement war, als bei seiner Frau (Luchterhand): Ja, noch ein Buch aus der bereits erwähnten Langtitelflut über das Altern. Aber eben eines von Dimitri Verhulst, der seit „Die Beschissenheit der Dinge“ und „Gottverdammte Tage auf einem gottverdammten Planeten“ für extrem komische, barocke und direkte Bücher bekannt ist. Auch dieses ist wieder überbordend, unkorrekt und wunderbar. Ein Mann macht auf dement, um seiner Ehe- und Familienhölle zu entfliehen und im Pflegeheim seine Ruhe und seine Jugendliebe wiederzufinden ... und natürlich geht hier nichts auch nur ansatzweise gut, sondern wird – bis zum bitteren Ende – satirisch, grotesk und bitterböse auserzählt. Zugabe: Das Buch enthält den besten ersten Satz des Literatur-Jahres: „Obwohl die Tat selbst vollkommener Absicht entspringt, geht es mir sehr gegen den Strich, dass ich jede Nacht wieder ins Bett scheiße.“

Sarah Schmidt, Eine Tonne für Frau Scholz (Verbrecher Verlag): Zum guten Schluss rufe ich in die Welt: Sarah Schmidt wird immer besser und ihr neuer Roman ist eine Wucht und gehört in jedes Bücherregal. Das, im feinen und stets zu rühmenden Verbrecher Verlag erschienene, Buch der Berliner Lesebühnen-Autorin ist ernst, komisch, wunderbar – und im besten Sinne: Unterhaltung, mit Betonung auf Haltung nämlich. Ich kann mich nur Joachim Scholl anschließen, der im Vorfeld der letzten Leipziger Messe auf Deutschlandradio Kultur sagte: „Ich habe für diese Buchmese 2000 Seiten gelesen, aber keine so geliebt wie diese 200 von >Eine Tonne für Frau Scholz<.“

 

LITERATUR-TIPPS 2012

Milena Michiko Flašar, Ich nannte ihn Krawatte (Wagenbach): „Ein zartes melancholisches Buch von großer sprachlicher Schönheit und Klarheit. Ein makelloser Roman.“ Das schrieb die SZ über Flašars neuestes Buch und hat vollkommen Recht damit.
Worum geht’s? Ein Hikkikomori, also einer der vielen japanischen Jugendlichen, die am Leistungsdruck zerbrechen und über Jahre ihr Zimmer nicht mehr verlassen (derzeit gibt es davon ca. 320.000 in Japan) trifft auf seinem ersten vorsichtigen „Freigang“ einen jener zahlreichen älteren „Salarymen“, die über Monate hinweg ihren Nächsten den Verlust ihrer Arbeit verschweigen und (oft bis zu ihrem Freitod) jeden Morgen aus dem Haus gehen, irgendwie den Tag verbringen, um am Abend so zu tun, als sei alles in Ordnung. Aber hier ist nichts mehr in Ordnung. Gar nichts. „Ich nannte ihn Krawatte“ ist eine kurze, große Geschichte über Trauer und Scham, aber auch – trotz aller Ausweglosigkeit – eine über eine wunderbare Freundschaft. Der gebrochene Hikkikomori und der geschasste Firmenangestellte auf einer trostlosen Parkbank; wie sich diese beiden Figuren einander annähern, wie sie zu erzählen beginnen und unbewusst versuchen, sich gegenseitig zurück in die Welt zu holen, ist so unmöglich wie großartig. Und wohl nur in dieser knappen, leuchtenden, ganz eigenen Sprache möglich, die einen auf jeder Seite glücklich und Staunen macht. An einer Stelle heißt es: „Hätte ich. Wäre ich. Es gibt nichts Trostlosereres als den Konjunktiv in der Vergangenheit.“ Wie wahr. Aber dieser Roman ist im besten Sinne „Gegenwart“ und mein absolutes Lieblingsbuch 2012.

Eshkol Nevo, Wir haben noch das ganze Leben (dtv): Dieser Roman, obgleich schon 2010 erschienen, ist mein zweites Lieblingsbuch 2012. Vielleicht, weil es ebenfalls die Geschichte einer Freundschaft erzählt, vielleicht, weil es ebenfalls in der Fremde spielt – in diesem Fall in Israel – und doch so viel mit einem selbst zu tun hat. Vier Freunde, vier Lebenswünsche und vier Jahre Zeit (die Spanne zwischen zwei Fußballweltmeisterschaften). Selten habe ich einen so perfekt gebauten Roman gelesen, der so wahrhaftig daherkommt, der Lebenspläne und Freundschaften so ernst nimmt und der einem so en passant eine Geschichte Israels erzählt, wie man sie nicht aus den Nachrichten kennt. Eine Kritikerin urteilte: „Es ist unmöglich, sich nicht in diese vier Männer zu verlieben.“ Gleiches gilt für dieses Buch.

John Green, Das Schicksal ist ein mieser Verräter (Hanser): Auch, wenn das mittlerweile in allen Zeitungen stand, in allen Sendungen verkündet wurde und deswegen jeder literarisch interessierte Mensch schon weiß: Dieses Buch ist „der Wahnsinnshammer“ (wie es in jedem zweiten blog heißt), dieses Buch „ist nahe an der Genialität“ (wie das Time Magazine schrieb), dieses Buch ist zurecht ein internationaler Bestseller. John Green (ja der, der vor ein paar Jahren das wundervolle „Eine wie Alaska“ verfasste) erzählt die Liebesgeschichte zweier unheilbar an Krebs erkrankter Teenager und wie er es tut, ist kaum in Worte zu fassen. Komisch, intensiv, ehrlich und todtraurig. Natürlich heult man sich die Augen aus dem Kopf beim Lesen, aber die Geschichte, verdammt, DIESE Geschichte ist es wert! Nie mehr möchte ich jemand despektierlich über „Jugendbücher“ sprechen hören... Mein drittes Lieblingsbuch 2012.

Rolf Lappert, Pampa Blues (Hanser): Auch das neue Buch von Rolf Lappert („Nach Hause schwimmen“) ist ein Jugendroman, eine zum Weinen komische Geschichte über das Erwachsenwerden im Nirgendwo. „Eine Weile sitzen wir stumm da, trinken unser Bier und gucken in den Himmel. ’Glaubst du eigentlich, dass dort oben irgendwo Leben ist’, fragt Maslow schließlich. ’Ich glaube nicht mal, dass hier unten Leben ist’, sage ich.“ Doch, da ist Leben – und was für eins!

Sonja Heiss, Das Glück geht aus (Bloomsbury): Kurzgeschichten über Menschen, die keine Angst vor dem Tod, sondern vor dem schlecht gelebten Leben haben. Wie in ihrem preisgekrönten Film „Hotel Very Welcome“ erzählt Sonja Heiß in ihrem ersten Buch abgründig, lakonisch und genau vom Hunger nach Momenten des Glücks, die alles bedeuten können.

Stuart Evers, Zehn Geschichten übers Rauchen (Frankfurter Verlagsanstalt): Noch ein Debüt und der beste Band mit Short-Stories, den ich seit Langem gelesen habe. Es ist fast beängstigend, wie gut der Mann schreibt. Kein Wort zuviel, immer relevant und immer auf den Punkt. Wer die Geschichten von Raymond Carver mag (und wer täte das nicht), wird dieses Buch lieben!

Wiglaf Droste, Sprichst du noch oder kommunizierts du schon? (Edition Tiamat)
Thomas Kapielski, Neue sezessionistische Heizkörperverkleidungen (Suhrkamp)
Max Goldt, Die Chefin verzichtet (Rowohlt):
Die Lektüre der jüngsten Bücher der drei Großmeister der komischen Literatur sei hiermit zwingend empfohlen. Weil alle drei auf ihre Art grandios sind. Wie immer eigentlich. Aber gesagt werden muss es doch.

Gerhard Waldherr, Bruttoglobaltournee (Salis): Auf dem Klappentext zu diesem, ja!, Sachbuch steht Folgendes: „Bruttoglobaltournee ist eine moderne Weltreise in Textform, atemlos, klug und so faszinierend wie verstörend.“ Das kann ich vollumfänglich unterschreiben. Die gesammelten Reisereportagen des vielfach ausgezeichneten Journalisten Gerhard Waldherr gehören in jedes Bücherregal. In 26 Reportagen um die Welt, von Indien über die Mongolei nach Island, von Mexico über die Antarktis bis in den Jemen – hier erfährt man wirklich etwas über unsere globalisierte Moderne und nie ist da ein eitles „ich“, das den Blick verstellt. Auch bei den Texten über Deutschland, die USA oder Kanada dachte ich beim Lesen: „Mein Gott, das habe ich alles nicht gewusst!“ Jetzt weiß ich es – vielen Dank dafür.

Wolfgang Pohrt, Kapitalismus Forever. Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam (Edition Tiamat): Noch ein Sachbuch. Nicht die linke Szene oder das aufgeklärte Feuilleton, sondern Theaterschaffende (Leute wie René Pollesch und Sophie Rois) haben dafür gesorgt, dass Wolfgang Pohrts Texte eine dringend notwendige Renaissance und Würdigung erfuhren. Jetzt hat der Großmogul der Kapitalismuskritik ein neues Büchlein vorgelegt. Und wie immer: Kaum ein Gedanke, dem man nicht sofort widersprechen möchte, der sich nicht eingräbt in die Krisendebatte, der nicht lange nachhallt. „Wozu Pohrt lesen? Es ist die Schönheit und die Radikalität dieser perfekt formulierten polemischen Kritik, die heutzutage ihresgleichen sucht.“ (Rudolf Görtler)

Martin Page, Die besten Wochen meines Lebens begannen damit, dass eine Frau mich verließ, die ich gar nicht kannte (Thiele Verlag): Eines der seltenen Beispiele, wo der deutsche Titel besser ist als das Original („Peut-être une histoire d’amour“); abgesehen davon ein sensationell komischer Roman des „Woody Allens Frankreichs“ und um ein Vielfaches lustiger (und besser geschrieben) als sein Weltbestseller „Antoine oder die Idiotie“, und der war schon granatengut.

Ascanio Celestini, Schwarzes Schaf (Wagenbach): Hier hat jemand den Verrückten zugehört und zwar genau. Eine beißende Satire und ein bewegender Bericht zugleich – ein „Nachruf auf die elektrische Irrenanstalt“, wie Celestini, den man bislang nur als Filme- und Theatermacher kannte, selber sagt. Das ist stark untertrieben: Hier ist wieder einer über das Kuckucksnest geflogen!

Hannes Köhler, In Spuren (Mairisch Verlag): Von diesem jungen Autor wird man hoffentlich noch viel lesen dürfen. Sein Debütroman ist auf ein jeden Fall eine Wucht. Der beste Freund verläßt die fröhliche Runde, um Zigaretten holen zu gehen – und kommt nicht mehr zurück. Ein Witz, an dem irgendwann aber so gar nichts mehr zum Lachen ist. Hannes Köhler beschreibt eine Spurensuche, die vor nichts haltmacht. Existenzielle Fragen werden in Erstlingen gerne gestellt, aber schon lange nicht mehr so eindringlich, authentisch und formvollendet wie hier. (Kurze Anmerkung: Den Mairisch Verlag gibt es seit 1999, ein von vorne bis hinten prima Indie-Haus, aus dessem Programm man so gut wie alles getrost lesen kann; ich sage nur: Finn-Ole Heinrich, Andreas Stichmann, Lee Rourke...)

Zum vorläufigen Abschluß noch drei Bücher, die mich bestens, um nicht zu sagen allerbestens unterhalten haben:

Kim Leine, Die Untreue der Grönländer (Mare)
Heinz Emmenegger, Pfister (Salis)
Katinka Buddenkotte, Betreutes Trinken (Knaus & Co)

Und klar: Gerbrand Bakker, Der Umweg (Suhrkamp) ist – wie alle Romane dieses wundersamen, stillen Niederländers – einfach nur ein Ereignis.

Und (nun wirklich) abschließend: Der gute Joe Bauer hat einen neuen Band mit Stadtgeschichten vorgelegt. Sagen wir gleich, wie es ist: Wenn ein Buch es schafft, seinem Leser unbändige Lust darauf zu machen, sofort alles stehen und liegen zu lassen, um nach Stuttgart zu fahren und dort spazieren zu gehen, muss es ein verdammt gutes Buch sein. Joe Bauers jüngste Sammlung ist genau so ein Buch.

Joe Bauer, Im Kessel brummt der Bürger King. Spazieren und über Zäune gehen in Stuttgart (Edition Tiamat) [hier eine ausführlichere Kritik zu diesem Buch]

 

LITERATUR-TIPPS 2011

Max Scharnigg, Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe (Hoffmann & Campe): Ein Junger Journalist kämpft mit einem Text über die Erstbesteigung des Eigers und mit Leben und Liebe. Als er eines Tages nach Hause kommt, findet er ein Paar fremder Männerschuhe vor der Wohnungstüre; kurzerhand flieht er in den Keller und verbringt seine Zeit unter der Treppe... Max Scharnigg (den man durch seine Kolumnen in der SZ kennen sollte) ist ein sensationelles Romandebut gelungen. Eine stille, genaue, komische, wunderbare Geschichte und mein absolutes Lieblingsbuch 2011!

Pierre Szalowski, Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen (C. Bertelsmann): Hier treffen die Unbillen der Welt nicht nur einen kleinen Jungen und seine scheidungswilligen Eltern, sondern gleich eine ganze Straße im kanadischen Nirgendwo. Zwischen Short-Cuts und modernem Märchen nimmt ein Autor endlich mal wieder die Frage „Was wäre, wenn...“ ernst und schreibt eine grandiose und herzzereißend schöne Version von „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ Mein zweites absolutes Lieblingsbuch 2011!

Monica Cantieni, Grünschnabel (Schöffling & Co.): Das ist mein drittes absolutes Lieblingsbuch 2011! „Mein Vater hat mich für 365.- Franken von der Stadt gekauft.“ So beginnt die Geschichte eines Kindes, das, zur Adoption freigegeben, bei neuen Eltern im Immigrantenmilieu der Schweiz 1970er Jahre landet. Ein unverschämt guter Roman, in dem Wörter in Streichholzschachteln gesammelt werden und in dem in einer zurecht preisgekrönten, neuen Bildersprache gelebt, geliebt und gelitten wird.

Gregor Sander, Winterfisch (Wallstein): Karge, verschwiegene, tolle Erzählungen sind das, die allesamt im Ostseeraum spielen. Wer Kurzgeschichten mag und weiß, dass sie letztlich die Königsklasse sind, der wird diesen Band nicht mehr aus der Hand legen. Wenige Striche, diskret, präzis, Bachmanngepriesen.

Hier drei Bestseller, die ich uneingeschrängt empfehlen kann, weil sie mich beim Lesen haben jauchzen lassen:

Rocko Schamoni, Tag der geschlossenen Tür (Piper): Niemand verzweifelt schöner, gelassener und unerbittlicher an der Gesellschaft als Schamonis Held Martin Sonntag, den man schon aus dem Vorgängerroman kennt und hier ohne wenn und aber weitermag. Außerdem macht der König wieder Musik und alles wird gut.

Michel Houellebecq, Karte und Gebiet (DuMont): Irgendwo in der Presse stand, dass mit dem neuen Werk nicht nur die Fans des Meisters auf ihre Kosten kommen, sondern auch viele seiner Hasser zu Liebhabern werden. Und das stimmt auch. Vielleicht liegt es daran, dass sich Houellebecq in diesem Buch selber sterben läßt, vielleicht aber auch daran, dass es ein wirklich sehr guter, gelungener Künstlerroman ist.

David Gilmour, Die perfekte Ordnung der Dinge (S. Fischer): Auch der Autor von „Unser allerbestes Jahr“ legt einen schönen – wie immer autobiographischen – Nachfolgeband vor. Ein Mann will sein Leben ordnen, fährt die Orte seiner größten Niederlagen ab und läßt seiner Erinnerung freien Lauf. Es ist nicht das schlechteste Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein!

Es folgen zwei Bücher aus der Abteilung „Gut & Lustig“:

Gunnar Homann, All exclusive. Ein Unterwegsroman (DuMont): Der Erstling von Gunnar Homann, ein in Sachen Komik wirklich grandios zu nennender, TITANIC-geschulter Road-Movie, der vor allem eins macht: Lachen.

Sarah Schmidt, Bitte nicht freundlich (Verbrecher Verlag): Nicht jeder Text eines Lesebühnenautors / einer Lesebühnenautorin ist in Schriftform so gut wie auf der Bühne... Bei Sarah Schmidt schon! Ein ganzes Buch voll mit relevanten, sehr eigenen, wundervoll komischen Geschichten, von denen jede einzige es wert ist, erzählt und gelesen zu werden. Chapeau!

Und abschließend noch der Hinweis auf ein Buch, das es – weil die Welt schlecht ist – nicht mehr im Handel gibt. Beim Stöbern durch Antiquariate und im Netz wird man aber fündig. Und die Suche lohnt sich:

Michael Köhlmeier, Bevor Max kam (Piper): Der schönste Kaffeehaus-Roman überhaupt! Gescheiterte und geläuterte Existenzen, skurile Anekdoten, lakonische Dialoge, Tränen, Lachen, Leben. Wiener Schmäh vom Besten, man mag sofort hinfahren...


LITERATUR-TIPPS 2010

Christoph Simon, Spaziergänger Zbinden (Bilger-Verlag): Die Weltreise des 87jährigen Lukas Zbinden durchs Betagtenheim – was für ein wunderbarer Roman! Eine Hmyne aufs Spazierengehen, eine hinreißende Liebesgeschichte und mein Lieblingsbuch 2010!

Wolfgang Herrndorf, Tschick (Rowohlt): Ein grandios komisches und berührendes Road-Movie zweier 14jähriger durch die Provinz. Tom Sawyer und Huckleberry Finn leben! (Wichtig: Lest erst die Geschichte und dann das Blog!)

einzlkind, Harold (Edition Tiamat): Ja - ein Pseudonym, ja – das erste unverlangt eingesandte Manuskript in der Verlagsgeschichte, welches gedruckt wurde, und ja – das lustigste Buch des Jahres.

Garth Risk Hallberg, Ein Naturführer der amerikanischen Familie (Liebeskind): Was für ein Wurf: komisches Lexikon, tragischer Familienroman und großartiger Fotoband in einem. (Ich werde es zigmal verschenken, weil es so schön ist!)

Hermann Burger, Schilten (Nagel & Kimche): Endlich ist dieser verstörende, überfordernde, meisterhafte Roman aus dem Jahre 1978 wieder aufgelegt. Die beste Lehrer-Satire, die ich kenne und ja: ein Muss – auch wenn’s weh tut.

David Wagner, Vier Äpfel (Rowohlt): Das Leben ist ein Supermarkt – eine perfekte, scharfsinnige und ganz wunderbare Alltagsbeobachtung.

Roman Graf, Herr Blanc (Limmat): Man kann den „Herrn Blanc“ mögen oder nicht – vergessen wird man ihn nie wieder. Was eine schmerzhafte, anrührende und konzentrierte Geschichte!

Mariana Leky, Die Herrenausstatterin (Dumont): Ach wäre die Literatur doch immer so: Traurig, komisch, fantasievoll und geistreich. Ein ganz und gar wundervoller Liebesroman!

Desweiteren kann ich uneingeschränkt empfehlen, weil sie mich bei Lesen einfach nur glücklich gemacht haben:

Sibylle Berg, Der Mann schläft (Hanser)
Rose Tremain, Der weite Weg nach Hause
(Suhrkamp)
Katja Oskamp, Hellersdorfer Perle
(Eichborn)
Gerbrand Bakker, Oben ist es still
(Suhrkamp)
Kristof Magnusson, Das war ich nicht
(Kunstmann)
Franz Dobler, Letzte Stories
(Blumenbar)
Rolf Lappert, Nach Hause schwimmen
(dtv)
Stephan Thome, Grenzgang
(Suhrkamp)

 

LITERATUR-TIPPS 2009

Bov Bjerg, Deadline (Mitteldeutscher Verlag): Bov Bjerg kenne ich als großartigen Autor und Performer der Berliner Leseszene und sein erster Roman verdient es, schlicht und ergreifend sensationell genannt zu werden. Auf gerade mal 140 Seiten wird die Geschichte der „Gebrauchsanweisungsübersetzerin“ Paula erzählt, die sich in Leben und world wide web verliert, sich ihrer Entscheidungsunfähigkeit hingibt (und zwar um ein vielfaches glaubwürdiger als im hochgelobten „Unentschlossen“ von Benjamin Kunkel) und die überhaupt eine Heldin ist, wie sie bislang noch in keinem Buche stand. Für alle Blogger und Netz-Literatur-Liebhaber ist das Buch ohnehin ein Muss, aber auch allen anderen sei gesagt: selten hat ein Autor mit dem Verdikt „form follows function“ so ernst gemacht. Daneben ist „Deadline“ auch noch eine anrührende Liebesgeschichte, ein tragikomisches Road-Movie, eine tolle Familien-Skizze und überhaupt jetzt schon das beste Buch des Jahres (und des nächsten gleich mit).

Tilman Rammstedt, Der Kaiser von China (Dumont): Ja, Tilmann Rammstedt hat den Ingeborg-Bachmann-Preis verdient. Und die Kritiken haben auch recht: Man muss beim Lesen laut lachen! Diese „Lügengeschichte“ ist nicht nur gut geschrieben, sondern wirklich sehr, sehr lustig!

Michael Ebmeyer, Der Neuling (Kein & Aber): Auch Rammstedts Bühnenkollege bei FÖN, Michael Ebmeyer, hat einen neuen Roman geschrieben und es gelingt ihm, der alten Geschichte vom Aufbruch in ein neues Leben tatsächlich neue Seiten abzugewinnen. Ein scheuer Büromensch wird nach Sibirien geschickt, verliebt sich in eine schorische Sängerin und vergißt Stuttgart. Mehr kann man nicht verlangen.

Kjell Askildsen, Ein schöner Ort (Luchterhand): Endlich gibt es eine (vom Autor selbst zusammengestellte) Sammlung von Kurzgeschichten vom unbestrittenen skandinavischen Meister der Short-Story. Mein Gott, sind diese Erzählungen traurig! Einsamkeit, Enttäuschung, das Warten auf den Tod und die Suche nach dem Sinn - nie länger als 20 Seiten, oft schmerzhaft komisch, immer großartig!

Michael Stauffer, Soforthilfe (Roughradio bei Urs Engeler Editor): Juhu und Jippieh - vom Autor von „Haus gebaut, Kind gezeugt, Baum gepflanzt. So lebt ein Arschloch. Du bist ein Arschloch“ und „I promise when the sun comes up - I promise, i’ll be true. So sing Tom Waits. Ich will auch Sänger werden“ gibt’s was Neues. Und zwar ein schmales Bändchen, das als Ratgeber daherkommt und - wie immer bei Stauffer - brilliant und eigenwillig geschrieben, abgründig, schräg und schwarzhumorig ist. Was habe ich gelacht beim Lesen! (Noch besser ist es übrigens, sich diese Satzkaskaden vorlesen zu lassen, Michael Stauffer wird im November bei der SWR-POETENNACHT dabei sein und im Dezember das Freiburger „Vorderhaus“ besuchen.)

Rayk Wieland, Ich schlage vor, dass wir uns küssen (Kunstmann): So was kann man sich nicht ausdenken: Da bekommt Herr W. eine Einladung, auf dem Symposion für unterdrückte Dichter in der DDR aus seinem Werk zu lesen. Aber Herr W. war nie ein unterdrückter Dichter, er hat noch nicht mal gedichtet - wenn man von seiner pubertären Liebes-Lyrik absieht, mit der er seine Briefe an die geliebte (Brief-)Freundin aufpeppte. Doch genau um diese Lyrik geht’s - sie wäre zu Recht vergessen und verschollen, hätte die Stasi sie nicht akribisch gesammelt, aufbewahrt und interpretiert. Unfassbar: Da hat ein Geheimdienst nichts besseres zu tun, als die völlig harmlosen, schwülstig gereimten Liebesbeteuerungen eines Heranwachsenden über Jahre hinweg auf Staatsfeindlichkeit abzuklopfen - ein Staat der so etwas tut, geht aus gutem Grund unter.
Man hätte viel falsch machen bei der Literarisierung dieser wahren Geschichte; Rayk Wieland aber macht alles richtig und legt mit seinem ersten Roman ein hochnotkomisches, stilistisch einwandfreies Buch vor, das endlich einen Schlußstrich unter das „Das Leben der anderen“-Gedöns im „20 Jahre Wende“-Rausch zieht und die erbärmlichen Machenschaften der Stasi der Lächerlichlichkeit preisgibt.

Shalom Auslander, Eine Vorhaut klagt an (Berlin Verlag): Ein gottesfürchtiger Jude rechnet ab mit Gott - frappierend lehrreich, schockierend witzig und unglaublich unterhaltsam.

Erlend Loe, Ich bring mich um die Ecke (kiwi): Blöder deutscher Titel für ein schönes (Tagebuch-)Buch des norwegischen Spezialisten für skurrilen Humor; die 18jährige Julie versucht, sich umzubringen und schafft es einfach nicht. So was will man lesen!

David Gilmour, Unser allerbestes Jahr (S. Fischer): Die wahre und anrührende Geschichte eines Vaters, der seinem Sohn erlaubt, die Schule zu schmeißen, unter der Bedingung, dass sich die beiden gemeinsam drei Filme pro Woche ansehen. Newsweek schrieb: „Jeder, der Eltern oder Kind ist oder jemals im Kino war, wird dieses Buch lieben.“ Stimmt.

Anne Enright, Das Familientreffen (DVA): Ein schonungsloses, wütendes, zärtliches Buch über eine trauernde Familie, das zu Recht mit dem Booker-Preis geadelt wurde; und endlich mal eine trinkende und fluchende Heldin, die nicht mit den ausgelutschten Attributen der „Hysterie“ gezeichnet wird.

Ray French, Ab nach unten (dtv): Wer die Filme „The Full Monty“ oder „Brassed Off“ mochte, liegt mit diesem Roman richtig. Ein kleiner Werksarbeiter läßt sich in seinem Garten begraben, um gegen die Schließung seiner Produktionsstätte zu protestieren. Very british!

Markus Orths, Das Zimmermädchen (Schöffling & Co.): Der Autor war, wie er in einem Interview zugab, selber überrascht, dass viele Leser sein neues Buch als „oft komisch“ rezipierten. Dabei ist „Das Zimmermädchen“ das intensive Portrait einer obsessiven Frau, die sich unter die Betten der Hotelgäste legt, um herauszufinden, wie den Menschen gelingt, was ihr so schwerfällt - das Leben. Ein knapper, großartiger Roman, der einmal mehr beweist, das Markus Orths zu den besten jüngeren Schriftstellern dieses Landes gehört.

Andreas „Spider“ Krenzke“, Imbiss wie damals (Volant & Quist): Das neue Buch vom Berliner „Surfpoeten“ ist wie sein altes: Grandios! Fies, trocken, sehr lustig und mit beigelegter CD. Was will man mehr?

Und abschließend noch ein Dank: An Rotraut B., die mir nach einem Auftritt im hohen Norden „als Dank für die Büchertipps“, welche ich von Zeit zu Zeit an dieser Stelle gebe, ihr Lieblingsbuch schenkte.  Es heißt „Der Fliegenfänger“ (The wrong boy; Heyne Verlag), geschrieben hat es Willy Russell und jetzt ist es auch mein Lieblingsbuch. Wirklich - das ist ein todkomischer, tieftrauriger, ganzganzganz wunderbarer Roman und (nicht nur für Morrissey-Fans) eine absolute Pflichtlektüre.

© jess jochimsen

KontaktPresse/DownloadsLinksImpressumSeite drucken