Literatur-Tipps 2011
Max Scharnigg, Die Besteigung der Eiger-Nordwand unter einer Treppe (Hoffmann & Campe): Ein Junger Journalist kämpft mit einem Text über die Erstbesteigung des Eigers und mit Leben und Liebe. Als er eines Tages nach Hause kommt, findet er ein Paar fremder Männerschuhe vor der Wohnungstüre; kurzerhand flieht er in den Keller und verbringt seine Zeit unter der Treppe... Max Scharnigg (den man durch seine Kolumnen in der SZ kennen sollte) ist ein sensationelles Romandebut gelungen. Eine stille, genaue, komische, wunderbare Geschichte und mein absolutes Lieblingsbuch 2011!
Pierre Szalowski, Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen (C. Bertelsmann): Hier treffen die Unbillen der Welt nicht nur einen kleinen Jungen und seine scheidungswilligen Eltern, sondern gleich eine ganze Straße im kanadischen Nirgendwo. Zwischen Short-Cuts und modernem Märchen nimmt ein Autor endlich mal wieder die Frage „Was wäre, wenn...“ ernst und schreibt eine grandiose und herzzereißend schöne Version von „Und wenn sie nicht gestorben sind...“ Mein zweites absolutes Lieblingsbuch 2011!
Monica Cantieni, Grünschnabel (Schöffling & Co.): Das ist mein drittes absolutes Lieblingsbuch 2011! „Mein Vater hat mich für 365.- Franken von der Stadt gekauft.“ So beginnt die Geschichte eines Kindes, das, zur Adoption freigegeben, bei neuen Eltern im Immigrantenmilieu der Schweiz 1970er Jahre landet. Ein unverschämt guter Roman, in dem Wörter in Streichholzschachteln gesammelt werden und in dem in einer zurecht preisgekrönten, neuen Bildersprache gelebt, geliebt und gelitten wird.
Gregor Sander, Winterfisch (Wallstein): Karge, verschwiegene, tolle Erzählungen sind das, die allesamt im Ostseeraum spielen. Wer Kurzgeschichten mag und weiß, dass sie letztlich die Königsklasse sind, der wird diesen Band nicht mehr aus der Hand legen. Wenige Striche, diskret, präzis, Bachmanngepriesen.
Hier drei Bestseller, die ich uneingeschrängt empfehlen kann, weil sie mich beim Lesen haben jauchzen lassen:
Rocko Schamoni, Tag der geschlossenen Tür (Piper): Niemand verzweifelt schöner, gelassener und unerbittlicher an der Gesellschaft als Schamonis Held Martin Sonntag, den man schon aus dem Vorgängerroman kennt und hier ohne wenn und aber weitermag. Außerdem macht der König wieder Musik und alles wird gut.
Michel Houellebecq, Karte und Gebiet (DuMont): Irgendwo in der Presse stand, dass mit dem neuen Werk nicht nur die Fans des Meisters auf ihre Kosten kommen, sondern auch viele seiner Hasser zu Liebhabern werden. Und das stimmt auch. Vielleicht liegt es daran, dass sich Houellebecq in diesem Buch selber sterben läßt, vielleicht aber auch daran, dass es ein wirklich sehr guter, gelungener Künstlerroman ist.
David Gilmour, Die perfekte Ordnung der Dinge (S. Fischer): Auch der Autor von „Unser allerbestes Jahr“ legt einen schönen – wie immer autobiographischen – Nachfolgeband vor. Ein Mann will sein Leben ordnen, fährt die Orte seiner größten Niederlagen ab und läßt seiner Erinnerung freien Lauf. Es ist nicht das schlechteste Gefühl, noch einmal davongekommen zu sein!
Es folgen zwei Bücher aus der Abteilung „Gut & Lustig“:
Gunnar Homann, All exclusive. Ein Unterwegsroman (DuMont): Der Erstling von Gunnar Homann, ein in Sachen Komik wirklich grandios zu nennender, TITANIC-geschulter Road-Movie, der vor allem eins macht: Lachen.
Sarah Schmidt, Bitte nicht freundlich (Verbrecher Verlag): Nicht jeder Text eines Lesebühnenautors / einer Lesebühnenautorin ist in Schriftform so gut wie auf der Bühne... Bei Sarah Schmidt schon! Ein ganzes Buch voll mit relevanten, sehr eigenen, wundervoll komischen Geschichten, von denen jede einzige es wert ist, erzählt und gelesen zu werden. Chapeau!
Und abschließend noch der Hinweis auf ein Buch, das es – weil die Welt schlecht ist – nicht mehr im Handel gibt. Beim Stöbern durch Antiquariate und im Netz wird man aber fündig. Und die Suche lohnt sich:
Michael Köhlmeier, Bevor Max kam (Piper): Der schönste Kaffeehaus-Roman überhaupt! Gescheiterte und geläuterte Existenzen, skurile Anekdoten, lakonische Dialoge, Tränen, Lachen, Leben. Wiener Schmäh vom Besten, man mag sofort hinfahren...
© 2011 jess jochimsen
