Kleine Kunde von Neid und Missgunst
Kurz vor Weihnachten standen wir dann doch noch vor einem pädagogischen Problem: Mein Sohn Tom brauchte ein Geschenk für die Schule und wollte nicht.
Die Sache war die, dass - wie jedes Jahr im Advent - in Toms Klasse "gewichtelt" wurde. Vielleicht kennen Sie dieses Spiel ja? Jeder zieht bei einer Auslosung den Namen eines Mitschülers, und dem muss er ein Weihnachtsgeschenk machen; und bekommt natürlich auch eines - von irgendjemand anderem. Das Ganze bleibt anonym. Oder fast. Man weiß zwar nicht, von wem man beschenkt wird, wohl aber wen man beschenkt.
Und da lag das Problem. Tom hatte Carina zugelost bekommen. Und die mag er nicht. Carina ist zickig und doof und ein Mädchen, was alles dasselbe ist. Er wollte kein Taschengeld für sie opfern. Nicht einen Cent. Am liebsten hätte er ihr gar nichts geschenkt, aber das ging nicht.
"Dann kriegt sie eben was blödes", sagte er, "was zu ihr passt."
Nacheinander schlug er erst einen Stein vor, dann einen einzelnen rosa Holzbuntstift und schließlich die Barbiepuppe ohne Kopf und Arme, die seine Cousine mal bei uns vergessen hat.
"Tom, das kannst du nicht machen", sagte ich.
"Klar kann ich."
"Aber du willst doch selber auch was Schönes bekommen, oder?"
Tom überlegte kurz, dann sagte er:
"Schau mal Papa, hätte ich Paul gezogen, kriegt er was Schönes. Und wenn Paul mich gezogen hat, krieg ich was Schönes. So ist es gerecht."
"Und wenn Carina dich gezogen hat?"
"Krieg ich was Blödes - und sie auch. Auch gerecht."
"Und wenn jetzt alle was Schönes kriegen, nur Carina nicht?"
"Dann ...", Tom überlegte wieder, "dann ist da ein Fehler im System."
Als ich den "Wichtel-Hinweis-Zettel" der Lehrerin las, den sie allen Eltern geschickt hatte, musste ich ihm fast beipflichten. "Denken Sie bitte an Neid und finanziell schwächer Gestellte", stand da in gedrucktem Dummdeutsch, "liebevolle Kleinigkeiten" sollten verschenkt werden, "nicht teurer als zwei Euro", "aber keinen Ramsch", "nichts aus Plastik", "nichts mit Waffen", "unaufwendig verpackt, gerne in Naturschutzpapier", undsoweiter. Also doch der rosa Holzbuntstift!
Tom brachte es unübertroffen auf den Punkt:
"Bei den SIMPSONS im Fernsehen haben sie auf der Weihnachtsfeier ihre Popos kopiert, und wir müssen blöd wichteln!"
Aber eine Lösung hatte er auch:
"Weißt du was, Papa? Ich schenke Carina etwas, was ich mag. Und wenn's ihr nicht gefällt, kann sie ja mit jemand anderem tauschen."
Und so schenkte er ihr - unaufwendig naturgeschützt verpackt - fünf Fußball-Bildchen, die er doppelt hatte. Es fiel ihm nicht leicht, das können Sie mir glauben.
Abschließend sei erwähnt, dass das Wichteln in der Schule die reinste Tauschbörse wurde, auch Tom tauschte seinen unterirdischen Biene-Maja-Spitzer gegen einen mittelprächtigen Öko-Notizblock mit Garfield-Motiven.
Sehr zufrieden allerdings war Carina, die sammelt nämlich überraschenderweise selbst Fußballbildchen.
Tom hat sich sogar, oh Zeichen, oh Wunder, mit ihr verabredet. "Doppelte gucken." Das neue Jahr kann kommen.
© 2008 jess jochimsen. zuerst erschienen in: spielen & lernen
