Die Titanic und Herr Berg. Über Kirsten Fuchs

„Er hat ein Meerschweinchen. Ich hab keins. Wir passen gut zusammen.“
„Am Freitag bin ich zum Sozialamt gegangen, um Sex zu beantragen, mit Kino vorher und essen gehen vorher und beieinander übernachten nachher, alles.“
Solche Sätze sagt Tanja, die Heldin in Kirsten Fuchs’ Debutroman, in einer Tour, und sie meint sie ernst. „Ich war immer gerne schwanger. Katrin war noch nie schwanger. Ich habe gegen sie gewonnen. Erste!“
Tanja ist jung, kaputt und braucht das Geld. Deswegen denkt sie sich Geschichten fürs Sozialamt aus. „Und dann war da mein neuer Sachbearbeiter. Den wollte ich gar nicht anlügen. Den wollte ich mir in den Schlüpfer stecken, damit er sich aufwärmen kann.“
Dieser Sachbearbeiter heißt Peter, ist älter, kaputter, hat eine Überdosis Wirklichkeit abbekommen. Er verrichtet zynisch seinen Dienst, raucht lieber anstatt zu reden und onaniert nach Stundenplan. „Ich denke beim Wichsen an nichts. Ich will auch nicht, dass irgendwer beim Wichsen an mich denkt. So weit kommts noch. Ich komme nicht, wenn ich an jemanden denke. Mir sind zwei Ehen gescheitert und zwei Kinder passiert. Ich wichse ins Nichts.“
Tanja dagegen kann nur kommen, wenn sie geliebt wird - womit die Katastrophe klar vorgezeichnet ist, denn Kirsten Fuchs läßt Tanja und Peter aufeinanderprallen, sie ist die Titanic und er heißt mit Nachnamen Berg. Er will nichts außer Ablenkung und Sex, sie will alles, das Unmögliche.
Der Roman wird bis zum bitteren Ende konsequent aus zwei Perspektiven erzählt, ihrer und seiner, eine gemeinsame gibt es nicht.

Fakten: 1) Kirsten Fuchs, 1977 in Karl-Marx-Stadt geboren, ist taz-Kolumnistin, open-mike-Preisträgerin und - auch wenn’s furchtbar klingt - „unumstrittener Star und mit Abstand komischste Frau der Berliner Vorleseszene“ (Kölner Stadtanzeiger). 2) Das gilt auch für ihren Roman, der teilweise so brutal komisch ist, das es weh tut. 3) Die Rezensionen zu „Die Titanic und Herr Berg“ überschlagen sich und der Rowohlt-Verlag bewirbt das Buch mit allem Brimbamborium und zu recht, denn: 4) Es ist das beste dieses Herbstes. Selten wurde eine amour fou in Zeiten sozialer Kälte so gut erzählt. In Bildern, die neu sind und passen, in einer Sprache, die frisch ist und stimmt.

Er vögelt sich um den Verstand, sie um ihr Leben, Thema durch. Abgehandelt auf 300 Seiten, die einfach nicht aufhören wollen, spannend zu sein, obwohl man das Ende kennt.
Die Titanic ist bekanntlich gesunken, weil sie dem Eisberg ausweichen wollte, ihn schrammte und seitlich aufgerissen wurde; ein direkter Zusammenstoß hätte die Havarie vermeiden können. „Ich habe Peter frontal getroffen“, sagt Tanja, „frontaler geht nicht [...] keine Katastrophe, keine Panik, denn ich wollte ihn treffen.“ Diesmal ist es der Berg, der ausweicht - er hat es nicht anders gelernt. Was für ein brillantes Buch!

© jess jochimsen. zuerst erschienen in: badische zeitung

Kirsten Fuchs, Die Titanic und Herr Berg, Roman (Rowohlt Berlin), 290 Seiten, 18,90 Euro. Please join: Kirsten Fuchs

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