Das böse "i"

Seit mein Sohn Tom in der Schule ist, regrediert sein Wortschatz. Immer häufiger sagt er nach dem Mittagessen Sätze wie diese:
„Hausi hab ich schon in der Kerni, Papa. Ich bin auf’m Sporti, Tschüssi!“
„Hä? Was? Halt, halt, hiergeblieben, Sohn, was ist los?“
„Oh Mann, Papa, ich will zum Fußi!“
„Wer ist das denn? Kenn ich den?“
„Papa - FUßBALLSPIELEN! Kann ich jetzt?“
„Und was ist mit den Hausaufgaben?“
„Hab ich doch schon in der Kerni. Muss ich dir alles zweimal sagen?“
Seit mein Sohn Tom in der Schule ist, kürzt er alles ab. Der Satz „Hausi hab ich schon in der Kerni“ bedeutet „Die Hausaufgaben habe ich schon in der Kernzeitbetreuung erledigt“, aber das wäre natürlich viel zu lang und Schulkinder haben keine Zeit! „Hausi“ muss man in der „Kerni“ machen, und zwar zur Zufriedenheit von „Lehmi“, also von Frau Lehmeier, der nachschulischen Kernzeitbetreuerin, denn ohne „Hausi“, so viel habe ich schon kapiert, dürfen die Kinder weder auf den „Sporti“ zum „Fußi“, noch auf den „Spieli“ zum „Fangi“ und „Verstecki“.
Ich ertrage es nicht. Vielleicht bin naiv, aber ich hatte gedacht, Kinder kommen in die Schule, um Lesen, Schreiben und nicht zuletzt Sprechen zu lernen. Verstecki, Fangi, Fußi, Sporti, Süßi, Tschüssi, Schoki... das hältste im Kopf nicht aus.
Und was sagte Toms Mutter letzte Woche zu mir?
„Mittwoch ist Elti. Gehst du?“
„Wohin soll ich gehen? Solange hier nicht anständig gesprochen wird gehe ich nirgendwo mehr hin!“
„Reg dich ab, Papa“, sagte Tom besänftigend, „ich hab der Lehmi eh schon gesagt, dass du zum Elti gehst.“
„Na, spitze! Wenn mir jetzt noch irgendjemand von euch Sprachverstümmlern sagen könnte, was das ist!“
„Der Elternabend“, sagten Tom und meine Holde aus einem Mund.
Der kam mir gerade recht. „Ja, da gehe ich gern hin!“, rief ich, „aber hallo, gehe ich da hin, zum Elti und dann werde ich der Lehmi mal das Kopfi waschi!!!“
In aller Kürze: Ich tat es nicht. Denn die „Lehmi“ war zauberhaft und hinreißend und sie erklärte mir, dass die kindliche Abkürzung auf „-i“ eine Verniedlichung sei, um das Schöne zu versüßen und das Böse zu bannen. „Fußi“ sei eben schöner als „Fußball“ und „Hausi“ nicht so schlimm wie „Hausaufgaben“.
Und noch was habe ich gelernt: Das funktioniert nur bei Kindern, denn die nach Menschenermessen schlimmste anzunehmende Katastrophe der westlichen Zivilisation ist ein Elternsprechtag. Der Elternsprechtag ist ein Machwerk des Teufels und die Hölle, das sind andere Eltern.
Ich sage jetzt auch „Elti“, aber ich weiß: das Böse wird wiederkommen!

© 2010 jess jochimsen. zuerst erschienen in: spielen & lernen

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