Blöde Eltern

Mein Sohn Tom brachte unseren kürzlichen „Großgruppen-Kurzurlaub“ folgendermaßen auf den Punkt: „Die Eltern waren manchmal blöd, aber sonst war es super!“ Das trifft es ziemlich genau.
Gemeinsam mit vier Erwachsenen, drei größeren Kindern (eines davon Tom), zwei Katzen und einem Baby verbrachte ich ein paar Tage am Meer und es war, nun ja, wie es halt so ist: die größeren Kinder waren laut aber glücklich, das Baby war nur laut und die Katzen (so vermute ich) wünschten sich insgeheim, nicht als Menschen wiedergeboren zu werden... Ach so: Und wir Eltern, wir waren blöd; vor allem in den Augen der größeren Kinder, und zwar immer dann, wenn sie von uns ins Bett geschickt oder zum Wattwandern angehalten wurden, wenn wir ihnen die Gameboys abnahmen oder wenn wir sie um Mithilfe beim Tischdecken, Kochen, Abspülen, Katzenstreu- oder Windelwechseln baten.
Wir konnten allerdings auch ohne die größeren Kinder blöd sein: Eines Abends (die größeren Kinder tollten am Strand herum und mokierten sich lautstark über ihre blöden Eltern, die sie wie immer nur stressen würden) kamen wir am Abendbrottisch auf das am Meer obligatorische, ungelöste Welträtsel zu sprechen, als eine der Frauen fragte: „Wie funktionieren eigentlich Ebbe und Flut?“
Um nicht sofort als Depp dazustehen, antwortete ich: „Das hat mit den Gezeiten zu tun.“
„Sag’ bloß“, wurde mir beschieden und ich stand als Depp da.
Allein ihre Erklärung, „das kommt doch irgendwie von der Schwerkraft und der Mondanziehung“, war auch irgendwie unbefriedigend.
„A propos Mond“, lautete die Anschlußfrage, „was war doch gleich nochmal der Unterschied zwischen einer Mond- und einer Sonnenfinsternis?“
„Äh, bei der einen braucht man diese Brillen...“
Glücklicherweise sind bei den Rätseln der Natur die der Technik nicht weit, und so sprachen wir im Folgenden über die absolut ungeklärten Mysterien „Telefon“, „Fax“ und „Fernsehen“.
„Ich war früher ja immer enttäuscht“, erzählte einer, „dass, wenn man den Fernseher aus- und später wieder anschaltete, das Programm nicht an der gleichen Stelle weiterging.“
Eine andere erinnerte sich an klitzekleine Mini-Menschen, die sie sich in den Apparaten vorstellte, und ich sagte besser nichts, weil ich das heute noch tue.
An sich sind solche Diskussionen schnell wieder vergessen, im Ferienhaus am Meer aber befanden sich neben fünf naturwissenschaftlich unbedarften Erwachsenen, drei Kindern, die diese Erwachsenen ohnehin schon blöd genug fanden und zwei Katzen, denen alles wurscht war, solange sie nur genug zu fressen bekamen, eben noch ein Baby. (Noch befinden sich Kleinkind und Katzen zwar auf einer ähnlichen Entwicklungsstufe, aber nicht mehr lang.)
„Irgendwann fängt der Kleine an zu sprechen“, unkte die Mutter, „und dann stellt er Fragen und wir sind zu blöd, die richtigen Antworten zu geben“.
Pädagogisch beschlagen, wie ich bin, wusste ich: „Ganz wichtig für ein Kind sind ja zuerst mal grobe Unterscheidungen, damit es sich orientieren kann. Sagen wir so: Alles, was im Haus rumsteht, gehört uns und dafür, dass es funktioniert, sorgt der Staat. Telefon oder Steckdosen sind sichtbar, und damit die gehen, braucht’s die unsichtbare Gewalt.“
Ich war regelrecht begeistert von meinem Geistesblitz: „Mit allem machen wir das, mit dem Licht oder dem Klo. Die Schüssel ist unser, und wo das hingeht, ist der Staat.“
Als ob er auf das Stichwort gewartet hätte, begann der Kleine deutlich zu riechen - diesbezüglich war er noch nicht so weit wie die Katzen. Ich erbot mich, das zu übernehmen, zum einen, weil keines der größeren Kinder zur Hand war, das ich hätte verpflichten können, vor allem aber auch deswegen, um meine Theorie nicht noch weiter ausführen zu müssen.
„Gut, dass du noch nicht reden kannst“, sagte ich beim Windelwechseln, während er fröhlich giggelnd auf den Wickeltisch pinkelte.
Und dann dachte ich: Wieso drucken die eigentlich so alberne Bildchen auf die Windeln? Das geht dem Kleinen doch am Arsch vorbei, buchstäblich, ich meine, der hat da keine Augen. Wer da hinguckt, bin ich, und das ist wohl auch die Antwort: Einfach zu verstehende Symbole sind das auf den Windeln, doofe bunte Luftballons und Schmetterlinge, für Menschen wie mich - und andere blöde Eltern.

© 2010 jess jochimsen. zuerst erschienen in: spielen & lernen.

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